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Jan Albert van der Heide  - Gerechter unter den Völkern 2026 (22)

Jan Albert van der Heide - Gerechter unter den Völkern 2026 (22)

Foto: Jan Albert van der Heide. Foto: Yad Vashem

Jan Albert van der Heide – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Jan Albert van der Heide. 

Deckname: de Hollander 

Jan Albert van der Heide wurde am 2. April 1913 im Norden des Landes, ostwärts de Ijsselmeers in dem langgestreckten Straßendorf Nijensleek geboren. Seine Eltern betrieben ein Baustoffgeschäft. Nach dem Tod seines Vaters, der ebenfalls Jan hieß, übernahm die Mutter, Aaltje Berkenbosch, 1935 die Leitung, und der Sohn arbeitete weiterhin im Familienbetrieb. Drei Jahre später heiratete er Hennie Weij, und sie zogen in das Haus neben dem Geschäft. Nachdem die deutsche Wehrmacht die Niederlande im Mai 1940 besetzt hatte, gab es zahlreiche Menschen, die sich vor den neuen Herren im Land verstecken mussten. Juden wurden von Beginn an mehr und mehr ausgegrenzt und entrechtet. Im Januar 1942 begannen die Besatzer damit, jüdische Niederländer zum Umzug nach Amsterdam zu zwingen. Das sollte die Deportationen, die im Sommer desselben Jahres begannen, einfacher machen. Jan Albert van der Heide hatte sich wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus längst entschlossen, in der Widerstandsorganisation LO (Landelijke Organisatie voor Hulp aan Onderduikers, Landesweite Organisation zur Hilfe für Untergetauchte) aktiv mitzuarbeiten. Er benutzte bei seiner lebensgefährlichen Tätigkeit den Decknamen „de Hollander“ (Der Holländer), obwohl er weder in Süd- noch in Nordholland lebte, sondern in einer ganz anderen Provinz der Niederlande, Drenthe.

Verstecke in Wäldern und Mooren

Das war eine der wichtigsten Regionen im ganzen Land für das „Onderduiken“ (Untertauchen). Da sie dünn besiedelt und schwer zugänglich war, wurden dort tausende Menschen versteckt: Weil das Durchgangslager Westerbork mitten in Drenthe lag, versuchten lokale Gruppen, Entflohene in dessen Umgebung unterzubringen. Auch viele junge Niederländer, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt werden sollten, fanden in den Bauernhöfen der Region Unterschlupf. Oft wurden provisorische Unterkünfte tief in den Wäldern oder Mooren errichtet. Durch Überfälle auf Verteilungsstellen beschaffte der Widerstand Tausende von Lebensmittelkarten, um die im Untergrund lebenden Menschen zu ernähren. Es gab spezialisierte Zellen, die Ausweise fälschten, um unbehelligt Kontrollen der Besatzer überstehen zu können. Der kleine Ort Nieuwlande war ein ganz besonderer Fall. Yad Vashem verlieh allen 117 Einwohnern des Dorfs 1988 die kollektive Auszeichnung Gerechte unter den Völkern.

Erkennungszeichen: Blume im Knopfloch

Jan van der Heide holte oft Menschen, die auf der Flucht vor den Deutschen oder den mit ihnen Kollaborierenden niederländischen Behörden waren, an den Bahnhöfen der Ortschaften Meppel oder Steenwijk ab. Als Erkennungszeichen trug er dabei stets eine Blume im Knopfloch. Manchmal handelte es sich bei den Schutzbedürftigen auch um Kinder aus Ballungsräumen, die aus Sicherheitsgründen auf dem Land untergebracht werden sollten. Unter ihnen waren oft auch jüdische Jungen und Mädchen. Da sie nicht allein mit dem Zug fahren konnten, wurden sie mit dem Lastwagen des Baustoffhandels abgeholt, der wegen der Treibstoffknappheit im Krieg auf einen Holzgasgenerator umgerüstet war. Arnold Roffelsen, ein Angestellter der Firma Van der Heide, fuhr den Lkw dann jeweils. Auf der Hinfahrt transportierte er Lebensmittel für Menschen im Untergrund, auf der Rückfahrt zwischen der üblichen Ladung von Baumaterialien, die Kinder. Die Familie Van der Heide nahm alle bei sich auf, bevor feststand, was ihre endgültigen Bestimmungsorte sein würden.

Ein Ehepaar muss weg aus Amsterdam 

Im Juli 1943, ein Jahr nach Beginn der Deportationen, lebte das jüdische Ehepaar Hijman und Henriette Sarlui-De Haas immer noch in einem Unterschlupf in Amsterdam. Als das zu gefährlich wurde, brachten Mitgliedern der Widerstandsbewegung beide in ein Hotel in der Gemeinde Zaltbommel bei Rotterdam, um einer möglichen Verhaftung zuvorzukommen. Nach drei Tagen musste das Paar sich aber vorübergehend trennen. Henriette wurde in das nicht allzu weit entfernten Zeist bei Utrecht gebracht, wo sie für dreieinhalb Monate unterkommen konnte. Drei Wochen später erhielt Hijman, der noch immer im Hotel in Zaltbommel wohnte, die Anweisung, mit dem Zug nach Steenwijk im Norden ostwärts des Ijsselmeers zu fahren und sich bei seiner Ankunft am Bahnhof eine Blume ins Knopfloch zu stecken. Dort angekommen, begrüßte ihn Jan Albert van der Heide. Nach einigen Tagen bei ihm und seiner Familie brachten andere Widerstandskämpfer Hijman auf den Bauernhof von Sjoerd und Anne (Antje) Berg im nahegelegenen Wapserveen bei Drenthe.

Unterschlupf bis zur Befreiung

Sieben Wochen später holte Jan Henriette Sarlui-De Haas aus Zeist ab. Sie blieb einige Tage bei ihm, bevor er sie zu ihrem Mann auf dem Bauernhof der Bergs brachte, wo das Paar endlich wieder vereint war. All diese Ortswechsel waren ein Beispiel dafür, welchen Aufwand der Widerstand manchmal treiben musste, um untergetauchte Juden vor dem Zugriff ihrer Feinde zu schützen. Die beiden „Gäste“ wurden liebevoll aufgenommen. Sjoerd und Anne wollten unter keinen Umständen Geld von den Flüchtlingen annehmen. Vorsichtshalber und um die anderen zu schützen erzählten die Bergs ihren Verwandten nicht, dass sie jüdische Gäste auf ihrem Bauernhof hatten. Stattdessen war die offizielle Erklärung, dass Hijman zum Arbeitseinsatz nach Deutschland eingezogen werden sollte, sich aber nun bei ihnen verstecke, weil er sich der Aufforderung entziehen wolle. Immer wenn Gefahr drohte, versteckten sich Hijman und Henriette in einem eigens dafür errichteten Versteck. Beide blieben bis nach der Befreiung bei den Bergs. In den vielen Monaten, die die beiden Paare zusammenlebten, wurden sie sehr enge Freunde. Auch nach dem Krieg hielten sie Kontakt und betrachteten sich weiterhin als eine Familie.

Geheimcode aus dem Römerbrief 

Als Anfang November 1943 ein Mitglied einer anderen Widerstandsgruppe verhaftet wurde, ahnte Jan van der Heide, dass dieses Schicksal bald auch ihn treffen könne. Er vertraute das auch seiner Familie und Bekannten an. Wenige Tage später, am 12. November 1943, wurden zwei Unbekannte in der Nähe des Heideschen Wohnhauses gesichtet. In der folgenden Nacht traf ein Einsatzkommando ein. Die Männer hatten zuvor die Telefonleitungen gekappt, damit ihr Opfer von niemand gewarnt werden konnte. Sehr wahrscheinlich nahm eine gemischte Einheit aus deutschen Führungskräften des SD und niederländischen Helfern Jan van der Heide fest. Er kam zuerst in Arnheim ins Gefängnis und konnte seiner Frau von dort tatsächlich eine kurze Nachricht zukommen lassen. Dann wurde Jan ins „Oranjehotel“ in Scheveningen verlegt. Es gelang Hennie, dort ein letztes Mal kurz mit ihm zu sprechen. Am 20. Mai 1944 wurde Jan ins deutsche Konzentrationslager Herzogenbusch, das in den Niederlanden lag, verlegt. Vier Tage später fuhr sein Transportzug von dort direkt nach Dachau. Er brachte auch hunderte von Jans Landsleuten mit. Gelegentlich konnte Jan van der Heide kurze Nachrichten nach Hause schicken, die den strengen Vorschriften der Lagerverwaltung entsprachen. Geschickt verwandte er eine Art Code, den die Zensoren der SS nicht erkannten, der den Verwandten zuhause aber begreiflich machte, wie die Verhältnisse im KZ waren. Der gläubige Christ Jan verwendete Stellen aus dem Römerbrief.

Eine Ladung Steine und die Todesnachricht

Sein letzter Brief vom Dezember 1944 traf erst nach der Befreiung zuhause ein. Da war Jans van der Heide schon seit vielen Wochen nicht mehr am Leben. Er starb am 30. Januar 1945, einem Dienstag, im Block 11. Der diente im Winter 1944/45 zeitweise als Teil des ausgeweiteten Reviers beziehungsweise als Isolierblock für Schwerkranke und Patienten mit Infektionskrankheiten. Als offizielle Todesursache wurde Enteritis (Darmentzündung) notiert. Das könnte darauf hindeuten, dass auch dieser Häftling ein Opfer der weit verbreiteten Flecktyphus-Epidemie wurde, da Auszehrungskatarrhe oft eine Begleiterscheinung von Flecktyphus waren. Die Lagerärzte gaben aber oft auch erfundene allgemeine Diagnosen an, um die tatsächlichen Bedingungen wie systematisch herbeigeführten Hunger, Erschöpfung oder Folgen von Misshandlungen zu verschleiern. Drei Monate später wurde der Fahrer Arnold Roffelsen auf eine 350-Kilometer-Fahrt in die Provinz Limburg im Südosten des Landes an der deutschen Grenze geschickt, um eine Steinlieferung abzuholen. Am Bestimmungsort traf er mehrere Männer, die ihm erzählten, sie seien in Dachau gewesen. Auf die Frage, ob sie Jan van der Heide kennen würden, bejahten sie das, bedauerten aber sagen zu müssen, dass er im Winter gestorben war. Sie gaben dem Fahrer Jans Rasierzeug mit, den einzigen Besitz, den man ihm im Lager offenbar gelassen hatte, und sagten ihm, sie hätten es der Familie später bringen wollen. Die lange Rückfahrt fiel Arnold Roffelsen umso schwerer, je näher er Nijensleek kam, hofften Hennie und die übrige Familie zuhause doch noch auf die sichere Rückkehr Jans. Zwei Jahre sollte es noch dauern, bis sie das genaue Datum seines Todes erfuhren. Und erst am 3. Mai 1950 war es wirklich amtlich, nachdem ein Beamter des   Sonderstandesamtes Arolsen das Dienstsiegel auf die vom Internationalen Suchdienst beantragte Sterbeurkunde drückte.

Am 25. Oktober 1978 wurden Jan Albert van der Heide, Sjoerd Berg und seine Frau Anne Berg-Postma von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.

Quellen:

https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4043221https://www.openarchieven.nl/tkr:8cd4a2c2-05f1-f1b3-8823-424547db4796/de

https://t-fledderkerspel.nl/personen-javanderheide/

https://www.erelijst.nl/jan-albert-van-der-heide

https://de.wikipedia.org/wiki/Arolsen_Archives

https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/10088756?s=jan%20van%20der%20heide&t=2033530&p=1

 

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