

Bildtexte: Marinus Engelbertus Jonker. Foto: Yad Vashem; Jonkers Grabstein auf dem Nationalen Ehrenfeld Loenen. Foto: Yad Vashem; Hendrika Jonker mit Elsje (links) und Milly. Foto Yad Vashem
Marinus Engelbertus Jonker – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Marinus Engelbertus Jonker.
Milly Jonker bekommt eine Schwester
Der am 15. August 1904 geborene Versicherungsdirektor Marinus (Miek) Jonker und seine drei Monate jüngere Frau Hendrika Johanna (Ietje) Jonker-Vermeulen wohnten 1942 mit ihrer 1939 geborenen Tochter Milly im niederländischen Arnheim, nicht weit von der deutschen Grenze entfernt. Das Ehepaar war stark sozial engagiert, verabscheute das NS-Regime in Deutschland. Sie waren im Untergrund aktiv, seit die Nationalsozialisten die Niederlande mit Krieg überzogen und nach nur fünf Tagen Kampf besetzt hatten. So war es für Hendrika keine Überraschung, als ihr Mann im Dezember 1942 vorschlug, ein dreijähriges jüdisches Mädchen wie ein eigenes Kind aufzunehmen. Wenige Monate zuvor hatten umfassende Deportationen von Juden in Vernichtungslager in Osteuropa begonnen. Elisabeth Meta (Elsje) Sarluy war drei Jahre alt, als ihre Eltern, der Chemiker Alexander (Lex) Sarluy (1908–1994) und Gesina (Gesma oder Geesje) Elisabeth Sarluy-Snoek in den Untergrund gezwungen wurden. Sie war in Koog aan de Zaan nahe der Nordseeküste bei Amsterdam zur Welt gekommen und hatte einen älteren Bruder, Philip Albert, (Flipje). Seit 1941 lebte die Familie in Hilversum etwa 50 Kilometer östlich von Koog, weil sie vor den zunehmenden Repressalien der Besatzer gegen Juden in ein Gebiet ausgewichen war, das ihr sicherer erschien.
Marinus Jonker geht in den Widerstand
Die junge Ehefrau willigte sofort ein, und Elisabeth Meta Sarluy kam zu den Jonkers. Die beiden kleinen Mädchen schienen mit den Eltern eine perfekte kleine Familie zu sein. Das eine ähnelte dem blonden Vater, das andere der Mutter mit ihren dunklen Haaren und braunen Augen. Da das Paar mit seiner Tochter erst 1941 von Amstelveen nach Arnheim gezogen war, waren die Jonkers dort nur wenige Menschen bekannt, und die Ankunft des neuen Familienmitglieds blieb unbemerkt. Eingeweiht waren lediglich die Nachbarn, Gerrit Jan van Houtum und Adrina van Houtum-Knippenberg mit ihren Töchtern Gerritje (Gerrie) und Hendrika (Riek) sowie einige enge Verwandte. Da beide Familien direkt nebeneinander wohnten, arbeiteten sie eng miteinander zusammen, um das Entdeckungsrisiko zu minimieren. Die geheimen „Gäste“ wurden zwischen den beiden Häusern hin- und hergewechselt, falls Durchsuchungen drohten. Nach außen hin schien es keine Probleme zu geben. Aber Marinus hatte unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht damit begonnen, etwas gegen die Besatzer zu unternehmen. Er unterstützte Menschen, die durch die ersten deutschen Verordnungen in Bedrängnis gerieten und baute Kontakte zu Gleichgesinnten in der Region auf. 1942 war für seine illegalen Aktivitäten der entscheidende Wendepunkt. Mit dem Beginn der systematischen Deportationen von Juden aus den Niederlanden konzentrierte sich Jonker auf die direkte Hilfe für Untergetauchte, so genannte „Onderduikers“. 1943 verriet einer seiner Mitstreiter im Verhör unter der Folter seinen Namen. Die Gestapo verhaftete Marinus Jonker daraufhin am 8. Oktober 1943. Er wurde zunächst in das Konzentrationslager Herzogenbusch im Süden der Niederlande und von dort nach Dachau deportiert Dort kam er nach anstrengendem Bahntransport am 26. Mai 1944 an. Acht Monate lang musste er dort Hunger und unzumutbare hygienische Zustände, Erniedrigung durch das Wachpersonal und Ungewissheit, ob er den nächsten Tag noch erleben würde, ertragen Am 23. Januar 1945, einem wurde der Gefangene 69073 aber entlassen.Entlassen, aber nicht frei
Damit endet die Schilderung seines Leidensweges in manchen historischen Quellen, zum Beispiel im Verzetsmuseum (Widerstandsmuseum) in Amsterdam: „Vrijgelaten 23 jan. 1945“. Doch „entlassen“ bedeutete nur, dass Marinus Jonker nicht mehr der Drangsalierung im Konzentrationslager unterlag. Er war nicht frei und durfte nicht nach Hause. Stattdessen hatte er nur noch 44 Tage zu leben. Der 40-jährige war bereits am nächsten Tag wieder in einem Zwangsverhältnis. Als Zwangsarbeiter der Firma Cyclo (heute Sumitomo Cyclo) in der Dachauer Straße 114 im nur wenige Kilometer entfernten Markt Indersdorf. Die Vorgängerfirma hat während es Kriegs in Weichs Getriebe hergestellt.
Marinus Jonker starb am 8. März 1945 im Bezirkskrankenhaus in Indersdorf. Der zuständige Arzt gab als Todesursache eine Lungenentzündung und Unterernährung an. Im Sterberegister ist vermerkt, dass der Verstorbene „vor kurzem aus dem KZ Dachau entlassen" war. Zwei Tage nach seinem Tod, am Samstag, dem 10. März 1945 beerdigte der katholischen Pfarrer den Leichnam Jonkers auf dem Bezirksfriedhof. Marinus Jonker hatte den Gereformeerde Kerken in Nederland, angehört, die strenggläubiger, orthodox-calvinistisch und organisatorisch unabhängiger vom Staat waren als die Volkskirche Nederlandse Hervormde Kerk. Im Zwangsarbeiterlager in Wagenried gab es einen evangelischen Geistlichen, doch dem war als Häftling die Durchführung der Bestattung auf dem Indersdorfer Friedhof verboten.
In die Heimat überführt
Auf dem von den Amerikanern eingeführten Registerformular aller Todesfälle in der Gemeinde findet sich ein handschriftlicher Vermerkt ohne Datumsangabe „Transferred to Holland“, nach Holland überführt. Am 1. Dezember 1948 stellte „M. Beyer, Pfarrer“ ein Toten-Zeugnis für Marinus Engelbertus Jonker aus ohne Hinweis auf eine etwaige Exhumierung. Kurz darauf ermöglichte die niederländische Regierung aber die Überführung von Kriegsopfern, die in anderen Ländern beerdigt wurden, in die Niederlande. Die Familie von Marinus Jonker machte davon Gebrauch. Dank der Bemühungen des Identifizierungs- und Bergungsdienstes des Kriegsministeriums wurde sein Leichnam 1950 in Indersdorf exhumiert und in die Niederlande überführt. Am 2. Februar 1951 fand die endgültige Beisetzung im Beisein seiner Familie auf dem Nationalen Ehrenfeld Loenen in der Gemeinde Apeldoorn statt. Das ist ein Waldfriedhof 600 Kilometer nördlich von Markt Indersdorf. Dort ruhen die Überreste von rund 4.000 Männern und Frauen, Zivilisten wie Militärs, die während des Zweiten Weltkriegs ums Leben kamen. Quadratische weiße Grabsteine sind entlang von Wegen durch den Kiefernwald in den Boden eingelassen. Nr. 437 kennzeichnet die Stelle, an der Marinus Engelbertus Jonker zur Ruhe gebettet wurde.
Unterschlupf bis zur Befreiung
Nach Marinus’ Verhaftung musste Hendrika Jonker allein weiterleben. Die Betreuung ihrer Mädchen erforderte ihre volle Kraft. Die Nachbarn nahmen sie und ihre beiden Töchter auch unter ihre Fittiche, als sie alle im September 1944 aus Arnheim wegziehen mussten. Nach dem gescheiterten alliierten Luftlandeunternehmen im September 1944 evakuierten die Deutschen die gesamte Stadt. Beide Familien fanden Unterschlupf im rund 20 Kilometer entfernen Dorf Ugchelen bei Verwandten der Van Houtems, Jan und Driesje van Houtem, die dort eine Papierfabrik besaßen. Sie blieben dort bis zur Befreiung von der Nationalsozialistischen Herrschaft. Im Mai 1945 erhielt Hendrika die schreckliche Nachricht vom Tod ihres Mannes. Kurz darauf stellte sich heraus, dass Elsjes Eltern die Zeit im Versteck in Friesland überlebt hatten. Sie schalteten Anzeigen in mehreren Zeitungen, um ihre Kinder Elsje und Flipje zu finden, von denen sie sich hatten trennen müssen. Auch die Frau, die Flipje in Apeldoorn versteckt hatte, gab eine Suchanzeige nach dessen Eltern auf. Nach einigen Schwierigkeiten wurde die Familie schließlich wiedervereint. Am 2. Januar 2000 wurden Marinus Engelbertus Jonker, Hendrika Johanna Jonker-Vermeulen sowie Johannes van Houtem und Adriana van Houtem-Knippenberg von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
Quellen
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/marinus%20engelbertus%20jonker?page=1
https://ancestors.familysearch.org/en/LTZB-DJ6/marinus-engelbertus-jonker-1904-1945
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/marinus-engelbertus-jonker
https://www.ushmm.org/online/hsv/source_view.php?SourceId=20708
https://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=JONKER&firstname=Marinus%20E.&title=&birthday=15&birthmonth=Aug&birthyear=1904&birthplace=Amsterdam&from=&town=Arnhem&street=Heemstralkeen%2090&number=69073&DateOfArrival=26%20May%201944%20Hert.&disposition=entl.%2023%20Jan%201945&comments=Check%20G&category=Sch.%20Holl.&ID=149682&page=2490/Scha.&disc=3&image=695
https://www.erelijst.nl/marinus-engelbertus--jonker
https://joodsmonumentarnhem.nl/p/p/f.php?flexpag_id=271&rubriek_id=12
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
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