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Bemmelen - Gerechte unter den Völkern 2026 (12)

Bemmelen - Gerechte unter den Völkern 2026 (12)

Bildtext:  Gijsbertus Gerardus van Bemmelen. Foto: Yad Vashem

 

Gijsbertus Gerardus van Bemmelen - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Gijsbertus Gerardus van Bemmelen

Ein Polizeibeamter im Widerstand 

Gijsbertus Gerardus van Bemmelen wurde am 21.August 1891 im Dorf Wateringen ganz in der Nähe von Den Haag geboren. In den späten 1930er Jahren lebte er mit seiner Frau Maria Margaretha Dorothea Arnolda Engelbregt, die er am 16. Februar 1922  geheiratet hatte und den fünf Kindern Gijsbertus, Jacobus  Hendrikus, Maria, Elisabeth und Wilhelmus in der gut 60.000 Einwohner zählenden Stadt Dordrecht bei Rotterdam im Südwesten der Niederlande. Der Familienvater war in der katholischen Pfarrgemeinde der  Antoniuskerk aktiv. Gijsbertus van Bemmelen hatte den Rang eines als Brigadier bei der örtlichen Polizei. Mitte Juli 1919 hatte er dort den Dienst angetreten. Sein Rang würde heute dem eines Polizeihauptmeisters bei der deutschen Polizei entsprechen. Als die Wehrmacht im Mai 1940 nach fünf Tagen Kampf sein Heimatland erobert hatte, zögerte er nicht lange, sondern engagierte sich schnell in der Widerstandsbewegung. Van Bemmelen schloss sich der LO an, der Landelijke Organisatie voor Hulp aan Onderduikers (Nationale Organisation für Hilfe für Untergetauchte). Van Bemmelen gehörte zur Gruppe von Sytze Roelof Beinema, einem der Gründer des Dordrechter Widerstands.  Die LO war keine militärische Widerstandsgruppe im Sinne von Sabotage oder Anschlägen. Die Arbeit der größten Widerstandsorganisation der Niederlande war humanitär und logistisch ausgerichtet. Sie suchte Verstecke für „Onderduikers“, also Untergetauchte, die in erster Linie zunächst Juden waren, später aber auch junge Männer, die sich dem Arbeitsdienst im Deutschen Reich entzogen. Die LO beschaffte auch Lebensmittel, Kleidung und gefälschten Dokumente. Sie war dezentral organisiert und bestand aus einer Vielzahl lokaler Gruppen, die landesweit koordiniert wurden, um Menschen sicher von einer Region in eine andere zu bringen. Die  LO hatte aber auch einen bewaffneten Arm, die Knokploegs oder Kampfkommandos, die beispielsweise bei Raubüberfällen Lebensmittelmarken und Blanko-Ausweispapiere erbeuteten.

Doppelleben im Dienst des Widerstands

Gijsbertus Gerardus van Bemmelen half Juden, die sich versteckt hielten. Er verteilte Lebensmittelkarten an Familien, die Juden versteckten, und brachte ihre geheimen „Gäste“ zu neuen Unterkünften, wenn ihre bisherigen Verstecke zu unsicher wurden. Als Polizist durfte er sich auch nach der Ausgangssperre auf der Straße aufhalten und hatte dadurch den Vorteil, seine Aktivitäten im Schutz der Dunkelheit ausüben zu können. Er erfuhr schon vorher Einzelheiten über geplante Razzien. Sein ältester Sohn Gijsbertus, der 1940 17 Jahre alt war, half ebenfalls bei der Beschaffung von Lebensmittelmarken, die er in seiner Schultasche versteckte. Gijsbertus Junior und Jacobus besuchten das nach einem Stadtteil von Breda benannte Klein Seminarie Ijpelaar, ein bekanntes katholisches Internat und Gymnasium, das hundert Kilometer von Dordrecht entfernt war. Jungen, die Priester werden wollten, konnten dort die Hochschulreife erwerben. Die drei jüngeren Geschwister lebten bei den Eltern. Drei Jahre lang war Brigadier Gijsbertus van Bemmelen im Widerstand aktiv. Aber der Zwiespalt zwischen seinem Beruf als Diener der den Besatzern ergebenen Staatsmacht und sein verborgener Einsatz für die mehr und mehr bedrohten Juden blieb den Behörden nicht verborgen.

Verhaftung und Konzentrationslager

Nicht nur die örtliche Polizei, sondern auch der Sicherheitsdienst des Reichssicherheitshauptamts (SD)  beobachtete den Mann im Widerstand.  Als Gijsbertus van Bemmelen am Abend des 25. Oktober 1943 bei Dienstbeginn den Polizeiposten im Diepenbenden betrat, verhafteten seine eigenen Kollegen ihn wegen des Verdachts der illegalen Unterstützung von Juden. An selben Tag erlebte Dordrecht eine beispiellose Verhaftungswelle zahlreicher Angehöriger des Widerstands. Der niederländische Historiker Dr. Frank van Poet  hat den Hergang der Verhaftung eines Polizisten durch andere Beamte nach dem Krieg in seinem Buch „De Dordts Affaire“ (Die Dordrechter Affäre) dokumentiert. Sie bedeutete das Ende seiner Arbeit und eine Tragödie für Frau und Kinder. Ohne den Alleinverdiener gerieten die übrigen Mitglieder der Familie plötzlich in finanzielle Not. Am 10. November wurde der Verhaftete in das deutsche Konzentrationslager Herzogenbusch im Süden der Niederlande deportiert. Ein halbes Jahr später schickte die SS ihn am 25. Mai 1944 weiter ins KZ Dachau. Dort kam er nach drei zermürbenden Tagen Bahntransport an und erhielt die Häftlingsnummer 68 883. Die nächste „Überstellung“ führte ihn kurz darauf ins KZ Natzweiler im Elsass.

Als Bergmann im Dienst der Rüstungsindustrie 

Das auf  persönlichen Befehl von Heinrich Himmler errichtete KZ diente der Gewinnung von seltenem roten Granit für Albert Speers geplante Monumentalbauten in Berlin. Rund 52.000 Häftlinge durchliefen Natzweiler und seine vier Dutzend Außenlager beiderseits des Rheins zwischen 1941 und 1945. Gijsbert van Bemmelen blieb nicht im Stammlager, sondern wurde in das nur rund 25 Kilometer südlich gelegene  Außenlager Trostberg  bei Markirch (Sainte-Marie-les Mines) geschickt. Dort betrieb die SS ein Großprojekt, eine von zahlreichen Untertageverlagerungen, um  Rüstungsfabriken vor Bombenangriffen zu schützen. Gijsbert van Bemmelen musste als Bergmann dabei helfen, einen Teil des fast sieben Kilometer langen ungenutzten Maurice-Emailleure-Eisenbahntunnels umzubauen. Das Projekt hatte den Codenamen "A 9". Für das, was im Tunnel entstehen sollte, hatte jemand die „unverfängliche“ Bezeichnung „Elsässische Spezial-Großkellerei“ ersonnen. Sie sollte wohl vorspiegeln, dass dort Qualitätsweine aus der Region gelagert werden sollten. In Wahrheit zielte man darauf ab, im Tunnel die gesamte Produktion des 80 Hektar umfassenden Großserienwerks der BMW Flugmotoren GmbH aus München-Allach unterzubringen. Das Management der „Kellerei“ saß in Berlin-Lichterfelde in der Straße Unter aller Eichen 126–135: Die Schreibtischtäter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamtes, die das Funktionieren aller SS-eigenen Betrieben koordinierten, vom Mineralwasserbrunnen im Ahrtal mit zivilen Beschäftigten bis zur unterirdischen „Firma“ mit der Zwangsarbeit von von KZ-Häftlingen im Elsass.

Tod durch einen „Unfall“

Die Widerstandsgruppe, in der Gijsbertus van Bemmelen im Dordrecht aktiv war, hatte auch ein Mitglied namens Kors van Loon. Er berichtete nach dem Krieg, wie sein Kamerad im Tunnel bei Markirch ums Leben kam. Die Details sind im Formular No. 4076 der Kommission festgehalten, die das Gefallenen-Gedenkbuch der Landelijke Organisatie voor Hulp aan Onderduikers und der Knokploegs vorbereitete. Demnach war der Tunnel, in dem van Bemmelen arbeiten musste, unbeleuchtet. Bei einem Zusammenstoß zwischen einem Lastwagen und einer Lokomotive wurde Gijsbertis van Bemmelen tödlich verletzt. Ein Häftling, der zwischen einer Schmalspur-Lok und einem im Tunnel manövrierenden Lkw stand, hatte im Lärm der Baustelle kaum eine Chance, die Gefahr rechtzeitig zu bemerken. Der Sterbetag van Bemmelens ist auf der Karteikarte mit 20/7-´44 eingetragen. Das „beißt“ sich mit dem Datum der Überstellung. Die Gedenkstätte Yad Vashem, die die Ernennungen zu Gerechten unter den Völkern prüft, nennt ebenfalls den 20. Juli 1944 als Todestag, gibt aber an, der Häftling sei totgeschlagen worden. Offiziell wurde die Todesursache als Unfall bezeichnet. Es war allerdings ein „Unfall“, der zumindest mitverschuldet wurde durch die brutale Behandlung völlig erschöpfter Häftlinge und den immensen Arbeitsdruck, weil das Projekt unbedingt fertiggestellt werden sollte. Die „Kellerei“ wurde übrigens nicht fertig, ehe die US-Armee die Gegend eroberte. Die Nachricht von seinem Tod erreichte die Familie in Dordrecht erst kurz vor der Befreiung 1945. Seine Witwe und seine Kinder waren vom Verlust ihres Mannes und Vaters tief betroffen. Für Maria van Bemmelen war der 4. Mai, der Volkstrauertag, stets ein besonders schwerer Tag voller trauriger Erinnerungen. Auch für die Familie von Sytze Roelof Beinema, dem Leiter von van Bemmelens Widerstandsgruppe, war die Freude über das Ende der Besatzungszeit getrübt. Er war am 18. April 1944 verhaftet und am 11. August des selben Jahren auf dem Fusilladeplaats (Erschießungsgelände) des Konzentrationslagers Herzogenbusch hingerichtet worden.

Posthume Ehrungen

Gijsbertus van Bemmelen wurde nach dem Krieg mit dem niederländischen Verzetskruis (Widerstandskreuz) ausgezeichnet. Sein Name ist auch auf einer Gedenktafel in der Polizeistation von Dordrecht eingraviert. Sein Name ist auch in einem dicken handgeschriebenen Buch , der Ehrenliste der Gefallenen, verzeichnet, das seit 1960 im Eingangsbereich des niederländischen Parlaments ausliegt. Es umfasst sowohl die Soldaten als auch die Mitglieder des Widerstands die zwischen 1940 und 1945 für das Königreich der Niederlande gestorben sind. 52 Jahre nach seinem Tod, am 16. Januar 1996, erkannte Yad Vashem Gijsbertus Gerardus van Bemmelen als Gerechten unter den Völkern an. Weitere 27 Jahre später ehrte auch die inzwischen auf 123.000 Einwohner gewachsene Stadt Dordrecht den Widerstandskämpfer. Sie tat es, indem sie einen Weg auf dem städtischen Friedhof nach dem Polizisten benannte.  Frank van Piet  hob hervor, dass die Einweihung des Weges die Aufmerksamkeit auf die Polizisten lenke, die während der Besatzung standhaft blieben: „Van Bemmelen war bereits in den Vierzigern, als der Krieg begann, und hatte eine fünfköpfige Familie. Trotz der Gefahren beteiligte er sich am Widerstand. Es ist richtig, dass sein Name nicht in Vergessenheit gerät, und die Einweihung des Weges sichert diesem Polizisten einen Platz im kollektiven Gedächtnis seiner Stadt Dordrecht.“

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

Quellen:

https://encyclopaedia-gsr.eu/lemma/natzweiler-struthof-de-1-0/

https://www.lo-lkp.nl

https://www.lo-lkp.nl/images/pdf/DeZwerver/1948/De%20Zwerver-1948-mei.pdf

https://www.lo-lkp.nl

erzetstrijder-gijs-van-bemmelen-1898-1944-krijgt-22-sept-eigen-pad-op-essenhof

https://collections.arolsen-archives.org/en/search/person/336341?s=336341&t=2117197&p=0

https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/bemmelen?page=1

https://nl-wikipedia-org.translate.goog/wiki/Sytze_Roelof_Beinema?_x_tr_sl=nl&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=sc

https://issuu.com/tienplus/docs/stem_van_krispijn4_dc3154324eb3e0/s/38586377

https://www.stolpersteine-dordrecht.nl/het_voorbije_joodse_dordrecht_joodse_lotgevallen_ontbreken_in_boeken_van_dordtse_verzet.html

https://dordtcentraal.nl/actueel/onthulling-op-essenhof-van-het-gijs-van-bemmelenpad/

https://kz-aussenlager-trostberg.de/Das%20Lager%20%26%20der%20Ort/Funktion%20des%20Lagers

https://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=BEMMELEN%20VAN&firstname=Gysbertus&title=&birthday=21&birthmonth=Aug&birthyear=1891&birthplace=Waterinen&from=&town=Dordrecht&street=Jac.v.Lennopstr.40&number=68883&DateOfArrival=28%20May%201944%20v.Hertg.&disposition=20%20Jul%201944%20n.Natzw.&comments=Check%20C,%20E,%20F%20G%20&%20J&category=Sch.Holl.&ID=26446&page=322/Di.&disc=1&image=419

 

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