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Johanna Regina Nieuwenhuis-Schilpzand - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau

Von Klemens-Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 1.819 aus den Niederlanden. Eine von ihnen ist Johanna Regina Nieuwenhuis-Schilpzand.

Obdach für ein jüdisches Ehepaar

Johanna Regina Schilpzand wurde am 9. Juni 1899 in Hillegom südwestlich von Amsterdam geboren. 1941 lebte sie nach einer geschiedenen Ehe als Johanna Nieuwenhuis-Schilpzand, genannt Jo, mit ihren beiden erwachsenen Töchtern Rie und Jos in einem dreistöckigen Reihenhaus an der Hugo de Grootlaan in Heemstede in Nordholland, westlich von Amsterdam und nahe der Nordseeküste. Trotz des ihr bewussten Risikos nahm Johanna für kurze Zeit als erste „Untergetauchte“ die Jüdin Nora Brouwer, eine Krankenschwester aus dem Portugiesischen Krankenhaus in Amsterdam, bei sich auf. Am 25. November 1941 gewährte sie Jacob und Rosalie de Vries Obdach, die sie zuvor noch nie gesehen hatte und deren wahre Identität ihr während des Krieges verheimlicht wurde. Dieser Hinweis in den Akten von Yad Vashem wird oft missverstanden. Johanna wusste, dass sie Juden beherbergt, kannte aber nicht deren wahre Namen. Falls sie verhaftet und gefoltert worden wäre, hätte sie keine Informationen über die Herkunft, andere Familienmitglieder oder weitere Kontaktpersonen der Familie De Vries preisgeben können Wenige Monate zuvor hatten in den Niederlanden massenhafte Deportationen von Juden in die Vernichtungslager im besetzten Polen begonnen. 100.000 der 140.000 im Land lebenden Juden wurden dabei ermordet.

Aus zwei Gästen werden vier 

Im November 1943 gewährte sie auch den Eltern von Jacob de Vries, Bernard und Sarah (van Kloeten) de Vries, Obdach. Sie hatten wegen einer Erpressung aus ihrem Versteck in Haarlem fliehen müssen. Aus Sicherheitsgründen versuchte Johanna Nieuwenhuis-Schilpzand, keine Besucher im Haus zu empfangen, was sie von Familie und Freunden isolierte und einsam machte. Ab van Walsem hatte die Juden in das Haus gebracht und versorgte sie auch mit Lebensmittelmarken. Jos jüngere Schwester Julia Schilpzand brachte Obst und Gemüse mit. Charlotte Haye war eine enge Freundin von Johanna Nieuwenhuis und maßgeblich an der Rettungsaktion der Familie De Vries beteiligt. Sie wohnte in Heemstede ganz in der Nähe und hatte die den Kontakt zwischen der jüdischen Familie und Johanna geknüpft. Sie kümmerte sich um den kleinen Geldbetrag, den die de Vries für ihren Unterhalt zahlten. Jacob und Rosalie de Vries erhielten ein Zimmer im ersten Stock auf der Vorderseite des Hauses. Jo sorgte auch dafür, dass Jacobs Eltern ein eigenes Zimmer bekamen.

Verhaftung im Juni 1944

Das Essen wurde unter allen Hausbewohnern gerecht aufgeteilt. Oft kamen die vier Versteckten zur Mahlzeit herunter, und Jacob las anschließend aus der Bibel vor. Natürlich wurden die jüdischen Speisegesetze nicht mehr eingehalten. Das war ohnehin unmöglich, da die Menschen für jede Mahlzeit dankbar waren. Die Flüchtlinge verbrachten ihre Tage damit, im Haushalt zu helfen, zu lesen, zu lernen, zu schreiben, Bücher zu übersetzen und Schach und Monopoly zu spielen. Sie hielten die Vorhänge geschlossen, wenn sie im Zimmer waren, und mussten jederzeit absolut ruhig sein und im Haus bleiben. Johanna bemühte sich sehr, es ihnen so angenehm wie möglich zu machen. Sie wurde durch ihre Menschlichkeit, ihre religiöse Orientierung und ihr Vertrauen in den Schutz Gottes motiviert, der Familie de Vries zu helfen.

Johanna Nieuwenhuis gehörte der „Gereformeerde Kerken in Nederland“, der Reformierten Kirchen in den Niederlanden an, die es als biblische Verpflichtung betrachteten, den Juden zu helfen, die als Gottes Volk besonderen Schutz verdienten. Am 30. Juni 1944 umzingelten die Deutschen das Haus und verhafteten Jo, Rie und Jos Nieuwenhuis sowie die Familie de Vries. Die beiden Töchter wurden am nächsten Tag freigelassen, aber ihre Mutter kam ins Gefängnis am Amstelveensse Weg in Amsterdam gebracht. Nächste Station war für sie das deutsche Konzentrationslager Herzogenbusch im Süden der Niederlande. Anschließend wurde sie ins größte deutsche Frauen-Konzentrationslager, Ravensbrück im Norden der Provinz Brandenburg deportiert, wo sie am 9. September 1944 ankam. Die Gefangenen mussten fort „frauentypische“ Arbeiten „für die SS-eigene Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung mbH (Texled)“ oder in einem Industriehof mit mehreren Handwerksbetrieben leisten. Außerdem wurden sie als Landarbeiterinnen an die umliegenden mecklenburgischen Güter, an Gärtnereien und zum Straßenbau vermietet.

Christliche Solidarität in Ravensbrück 

Dem NS-Ziel der „Vernichtung durch Arbeit“ diente im KZ schwere körperliche Arbeit für die Frauen beim Trockenlegen von Sumpfgelände, dem Abtragen von Sandhügeln, Rodungsarbeiten oder Ähnlichem. Ob Johanns Nieuwenhuis davon auch betroffen war, ist nicht sicher. Politische Häftlinge aus den Niederlanden kamen aber oft in ein solches Kommando. Belegt ist allerdings, dass Johanns in Ravensbrück schwere Beinverletzungen erlitt. Sie arbeitete dort eng mit Helena Kuipers-Rietberg ("Tante Riek") zusammen. Tante Riek war die Gründerin der größten niederländischen Hilfsorganisation für Untergetauchte (L.O.). Johanna berichtete, dass sie Helena Kuipers-Rietberg im Lager traf, als diese bereits schwer gezeichnet war. Beide Frauen waren tief im reformierten christlichen Glauben verwurzelt. In Ravensbrück gab es informelle Kreise, in denen Frauen heimlich beteten oder sich gegenseitig Bibelverse zusprachen, um den psychischen Terror der SS zu überstehen. Johanna sah in Tante Riek eine moralische Anführerin, weil sie dafür bekannt war, dass sie trotz ihrer eigenen Schwäche andere Frauen tröstete. Ihr Zustand war bereits stark geschwächt. Am 27. Dezember 1944 starb sie an Entkräftung und Krankheit, wahrscheinlich durch Typhus oder eine Lungenentzündung.

Transport nach Dachau

Zu diesem Zeitpunkt war Johanna Nieuwenhuis allerdings schon in Dachau. Am 13. Oktober 1944 kam sie mit 250 anderen Gefangenen, unter denen größtenteils Landsleute waren, bereits im Stammlager an und wurde umgehend in das Außenlager zu den Agfa-Kamerawerken verlegt. Das Kommando hatte erst einen Monat zuvor die Arbeit aufgenommen. Insgesamt rund 700 weibliche Häftlinge, darunter 193 größtenteils wegen Tätigkeit im Widerstand festgenommene aus den Niederlanden, mussten dort bis zur Befreiung am 30. April 1945 unter großem Druck Zeitzünder für Flakgranaten sowie Teile für Kameras zur Luftaufklärung herstellen. Die Frauen waren im damals noch nicht fertiggestellten heute noch bestehenden Wohnblock Weißenseestraße 7–15 in München-Giesing zu jeweils sechst pro Zimmer untergebracht. Ein Stacheldrahtzaun und vier Wachtürme umgaben das Gelände. Der Fußweg zum Werk dauerte etwa 20 Minuten. Die Niederländerinnen hielten fest zusammen. Sie bastelten, schrieben Gedichte und hielten Gottesdienste ab. Es gab wenig Freizeit, aber während des Jahreswechsels war die Fabrik einige Tage geschlossen. Es wurde oft von Sabotage an Produktion und Maschinen berichtet. Am 12. Januar 1945 streikten die Niederländerinnen, unterstützt von den Sloweninnen. Die Frauen verweigerten gemeinsam spontan und planlos die Arbeit. Trotzdem wurde für diese Aktion eine Rädelsführerin ausgesucht und die Niederländerin Mary Vaders schwer mit Zellenhaft im KZ Dachau bestraft. Die Situation verlief relativ glimpflich, weil sich die Frauen nicht gegen die Lagerleitung, sondern gegen die Werksleitung stellten. Sie protestierten gegen den vom Werk ausgeübten Arbeitsdruck und gegen das von der Agfa bereitgestellte Essen. Zuvor war es aus dem Hauptlager Dachau gekommen. Obwohl es aufgrund der Kriegshandlungen immer öfter verspätet geliefert wurde, war es im Gegensatz zu dem Essen aus den Agfa-Werken fast ausreichend gewesen.

Beim Evakuierungsmarsch befreit

Die Leidenszeit von Johanna Nieuwenhuis endete nicht im Konzentrationslager.  Als die US-Armee näher rückte, wurden fast alle Häftlinge aus dem Agfa-Kommando und den anderen Münchner Außenlagern auf Todesmärsche in Richtung Süden getrieben. Johanna überlebte auch diese Strapazen. Sie wurde schließlich am 30. April 1945 bei Wolfratshausen in der Nähe des Starnberger See in einem physisch desolaten Zustand von amerikanischen Truppen befreit. Die Auswirkungen der Mangelernährung und ihrer schweren Beinverletzungen hatten sich durch den Marsch massiv verschlimmert.  Trotzdem kehrte sie bereits im Mai 1945 in die Niederlande zu ihren Töchtern nach Heemstede zurück, obwohl sie kaum noch laufen konnte, erreichte sie ihr Zuhause in der Hugo de Grootlaan, wo sie von den Nachbarn als Heldin empfangen wurde und eine handgeschriebene Ehrenurkunde überreicht, bekam. Die Menschen in ihrer Umgebung würdigten ihren Mut beim Verstecken der Familie De Vries und ihre Standhaftigkeit während der Haft. Johanna brauchte lange, um sich von den Folgen ihres Aufenthalts in drei Konzentrationslagern zu erholen. Sie lebte noch über 27 Jahre und starb am 10. Dezember 1972 in Haarlem, einem direkten Nachbarort von Heemstede. Ihr Einsatz wurde erst Jahre nach ihrem Tod international gewürdigt. Am 31. März 1993 erkannte Yad Vashem sie offiziell als Gerechte unter den Völkern an.

Das Schicksal der Familie de Vries

Die vier Mitglieder der Familie de Vries, denen Johanna Nieuwenhuis Obdach gegeben hatte, wurden am 13. Juli 1944 in das niederländische Durchgangslager Westerbork verlegt. Am 3. September kamen sie mit 1.015 anderen Menschen in den letzten Güterzug aus dem Lager nach Auschwitz, der am 6.November früh dort ankam. Der fast 60jährige in Haarlem geborene Benjamin de Vries wurde unmittelbar danach in der Gaskammer ermordet. Die 43jähige Sara de Vries-van Kloeten starb an einem unbekannten Tag im September 1944 in Auschwitz. Die 30jährige Rosalie de Vries-Stern, die in Groningen geboren wurde, starb am 13. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau an Typhus. Jacob de Vries überlebte den Krieg. Später schrieb er unter anderem über die Fahrt im Viehwaggon nach Auschwitz: „Oh, wie schwer war es, zu liegen! Meine Beine waren steif. Ich hatte einen Krampf im Nacken. Aber Ro lag gut. Und Pa und Moe, wie ich im Halbdunkel sah, lehnten aneinander, an der Seitenwand und auf der zusammengerollten Decke. Das konnte ich deutlicher erkennen, als kurz jemand sein Feuerzeug anzündete.“ Nach der Befreiung kehrte Jacob am 31. Mai 1945 über Odessa und Marseille wohlbehalten nach Heemstede zurück.

Quellen:

https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4043409

https://www.brabantserfgoed.nl/collectie/object/brabant-collectie/29e00392393641fa1df9ae601b2e6211747864f1

https://ilibrariana.wordpress.com/2012/04/06/joodse-onderduik-vervolging-en-verzet-in-heemstede/

https://www.oorlogsbronnen.nl/tijdlijn/Johanna-Regina-Schilpzand/02/136465

https://collections.arolsen-archives.org/en/search/person/404886

 

 

 

 

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

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