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Foto: Kazimierz Sylweriusz Szelągowski nimmt die Medaille für seine Ehrung als Gerechter unter den Völkern entgegen. Foto: Yad Vashem

Kazimierz Sylweriusz Szelagowski - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 7.318 aus Polen. Einer von ihnen ist Kazimierz Sylweriusz Szelagowski.

Probleme schon mit der russischen Obrigkeit

Kazimierz Sylweriusz Szelagowski wurde am 20. Juni 1885 in dem Dorf Szczutowo in der Region Dobrzyn (Kreis Sierpc) geboren, das seit der dritten polnischen Teilung im Jahre 1795 zum Russischen Kaiserreich gehörte, aber nahe der Grenze zu Preußen und damit dem Deutschen Reich lag. Russland, Preußen und Österreich hatten Polen unter sich aufgeteilt. Einen unabhängigen polnischen Staat gab es nicht mehr. Sein Vater Jozef war Lehrer und setzte damit eine Familientradition fort. Alle fünf Kinder der Familie wurden Pädagogen. Ab 1902 besuchte Kazimierz das Lehrerseminar in Wymyslin, aus dem er 1905 wegen seiner Teilnahme an einem Schulstreik im Mai und Juni desselben Jahres verwiesen wurde. Dieser Streik richtete sich gegen die russische Verwaltung und die Russifizierung in den Schulen auf dem polnischen Gebiet, dass Russland sich 110 Jahre zuvor einverleibt hatte. Er erhielt ein sogenanntes „Wolfsticket“, ein behördliches Verbot, das ihm den Eintritt in jede andere staatliche Schule im Russischen Kaiserreich untersagte. Da er an staatlichen Schulen nicht mehr zugelassen war, ging er nach Warschau und besuchte dort privat organisierte sogenannte Höhere Vorbereitungskurse.  In der Anonymität Warschaus, wo er nicht als Streikführer bekannt war, konnte e seine staatliche Lehramtsprüfung 1908 ablegen.

Kampf für die polnische Unabhängigkeit

Er arbeitete zunächst als Privatlehrer.  Ab 1910 war Szelągowski in der Polnischen Sozialistischen Partei aktiv. 1912 bis 1915 studierte er Naturwissenschaften an der südfranzösischen Universität Montpellier und erwarb ersten akademischen Grad eines „Bachelier des sciences“, der nicht dem heutigen Bachelor entsprach. Mitten im Ersten Weltkrieg kehrte er nach Warschau zurück und trat bald darauf der Polnischen Militärorganisation bei, die eine entscheidende Rolle im Kampf um die polnische Unabhängigkeit spielte. Die Region war infolge der deutschen Erfolge an der Ostfront deutsch besetzt. Die russischen Truppen hatten sich 1915 zurückziehen müssen. Er wurde am Wladyslaw-IV.--Gymnasium in Warschau sowie im zoologisch-physiologischen Labor  an der Universität Warschau angestellt. Nachdem es Polen 1917 gestattet wurde, Positionen in der Schulverwaltung zu bekleiden, wurde er Schulinspektor und geriet dabei mehrfach in Konflikt mit den deutschen Behörden. Im Juli 1919 wechselte er nach der Gründung der nun wieder unabhängigen polnischen polnischen Republik auf eine entsprechende Stelle in Plock westlich von Warschau.

Von den Deutschen entlassen

Von November 1919 bis Februar 1921 war Kazimierz Szelągowski mit der Organisation des Schulwesens in den Frontgebieten im polnisch-sowjetischen Krieg betraut. Das waren umfangreiche Landstriche im Osten, in denen die Grenze zwischen dem neu geborenen Polen und dem inzwischen bolschewistischen Russland noch nicht festgelegt war. Im August und September 1920 leistete er Militärdienst. Er war an einem Lehrerseminar sowie als Schulinspektor und Schulrat tätig. In Vilnius, das ab 1920 administrativ zu Polen gehörte, weigerte sich, dem Überparteilichen Block der Zusammenarbeit mit der autoritären Regierung Jozef Pilsudski beizutreten. Er verlor deshalb sein Amt und wurde auf einen Verwaltungsposten im Ministerium für religiöse Bekenntnisse und öffentliche Bildung abgeschoben.1939 wurde Szelągowski nach dem Beginn das deutschen Angriffs Minister und blieb das zunächst auch nach dem deutschen Sieg über Polen. Er bemühte sich, die Unabhängigkeit und das Funktionieren des Schulwesens zu bewahren, wurde jedoch nach wenigen Wochen von den Besatzern entlassen, nachdem er einen Antrag auf Aufstockung des Budgets gestellt hatte.

In den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau

Für ein knappes Jahr kam er in Haft. Aus dem polizeilichen Untersuchungsgefängnis in Warschau wurde er im März 1940 in den Pawiak gebracht, das offizielle Gestapo-Gefängnis. Eine solche Verlegung war meist ein Zeichen für eine Verschlechterung der Lage. Von dort aus führten die Wege entweder zu den Hinrichtungsstätten oder in die Konzentrationslager. Letzteres stand Kazimierz Szelągowski bevor, und zwar im Mai das KZ Sachsenhausen und im September ins KZ Dachau. Im Oktober 1940 kam er von dort wieder frei. Während in den frühen Jahren des Dritten Reiches deutsche Häftlinge oft nach einer „Umerziehung“ entlassen wurden, war das für Polen nach Kriegsbeginn ungewöhnlich. Das Ziel der Besatzer war die Vernichtung der polnischen Führungsschicht (Lehrer, Geistliche, Offiziere). Wer als Pole 1940 in ein KZ kam, blieb dort in der Regel bis zum Tod oder Kriegsende.

Illegale Arbeit in illegalen Strukturen

Die Rückkehr verschaffte ihm eine relative (wenn auch ständig bedrohte) Bewegungsfreiheit. In Warschau knüpfte Szelagowski Kontakte zum Untergrund, unter anderem zur Polnischen Sozialistischen Partei. Er leistete Aktivisten des Untergrunds sowie Hilfe für Juden. 1941 wurde er Abteilungsleiter im Hauptstadtkomitees für soziale Selbsthilfe und leitete zudem eine Abteilung des Hauptfürsorgeamtes. Beide Einrichtungen wurde vom "Generalgouvernement" aus Angst der Deutschen vor Unruhen genehmigt, um Seuchen und extremen Hunger zu verhindern. Offiziell verteilten sie Suppen, Kleidung und Medikamente. Inoffiziell nutzten Männer wie Szelągowski diese legalen Strukturen jedoch oft als Deckmantel, um Geld und Hilfe an den polnischen Untergrund oder an Familien von Verhafteten zu schleusen. Die Deutschen vermuteten in den Mitarbeitern des Hauptstadt-Komitees zwar oft Widerständler, waren aber auf die bürokratische Abwicklung der Sozialhilfe durch Polen angewiesen. Dass Kazimierz Szelągowski seine Position nutzte, um Juden zu helfen, macht seine Geschichte doppelt außergewöhnlich. Seine Arbeit in einer offiziell anerkannten Behörde bot den perfekten Deckmantel, um Lebensmittelkarten zu fälschen oder Verstecke zu organisieren.

Dankbare Stimmen

Nach dem Krieg war Szelagowski zunächst Direktor des Büros für Verwaltungsinspektion im Bildungsministerium. Im Januar 1946 wurde er im Außenministerium eingestellt und war nacheinander polnischer Konsul in Antwerpen, Brüssel und Düsseldorf. 1951 beendete er seine Tätigkeit im diplomatischen Dienst und kehrte in den Lehrberuf zurück. Am 21. September 1965 erkannte Yad Vashem Kazimierz Szelągowski als Gerechten unter den Völkern an. „Er half uns, ungeachtet der Tatsache, dass er die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau hinter sich hatte“, schrieben Olga Grosfeld, Irena Zytkiewicz, Irena Schiller und Maria Lubacka Tesler in ihren Zeugenaussagen für das Anerkennungsverfahren. Sie verdeutlichten: „Mit furchtlosem Mut und grenzenloser Hingabe beschaffte er uns persönliche Dokumente, alle Arten von Bescheinigungen, die es uns ermöglichten, Arbeit zu suchen. Er setzte sich persönlich dafür ein, dass wir diese Arbeitsplätze bekamen, und versorgte uns mehr als einmal aus eigener Tasche mit Geld, Lebensmitteln und Kleidung, während er sich um uns kümmerte und uns in Warschau in Sicherheit brachte. In den kritischen und schwersten Momenten bot er uns immer Unterschlupf in seiner eigenen Wohnung.“ Zu den vielen Juden, die von Szelagowskis Hilfe profitierten, gehörte auch Maria Goras-Bergazim, die ab 1942 für das Hauptstadtbüro arbeitete. „Er wachte über mich und half mir, so gut er konnte. Er zahlte mir eine Zuwendung, und ich unterschrieb dafür unter einem anderen Namen. Er tat, was er konnte, um mir eine Unterkunft zu finden. Es gab eine Zeit, in der ich, aus Angst, allein in meiner Wohnung zu bleiben, in seinem Haus wohnte. Ich lebte dort einen Monat lang“, schrieb Maria Goras-Bergazim, die 1957 nach Israel auswanderte.

Im Dezember 1975 bewiest Kazimierz Szelągowski noch einmal, dass er persönliche Nachteile nicht scheute, wenn es galt, auf Missstände hinzuweisen. Er unterzeichnete den „Brief der 59“ gegen die Änderungen der polnischen Verfassung. Dieser Aufruf forderte demokratische Rechte, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit und kritisierte die geplante Festschreibung der Führungsrolle der kommunistischen Partei sowie einer „ewigen Freundschaft“ mit der Sowjetunion. Die Unterzeichner forderten, dass die Einhaltung der Menschenrechte, wie sie in der Helsinki-Schlussakte garantiert waren, tatsächlich auch eingehalten würde. Der Brief war der Beginn der organisierten Opposition gegen das Regime in Polen.  Der Politiker, Lehrer, Biologe, Beamte und Diplomat Kazimierz Sylweriusz Szelągowski starb am 6. Januar 1976 in Warschau.

Quellen:

https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4017775

https://pl.wikipedia.org/wiki/Kazimierz_Szelągowski

https://pl.wikipedia.org/wiki/Sprawiedliwy_wśród_Narodów_Świata

https://www.archiwumpz.iz.poznan.pl/Content/6756/C_II_472-C_II_473BP-1989_5-6-100.pdf

https://www.cambridge.org/core/books/abs/survivors/school-of-hard-knocks/181CA410470E215A8A56DABEAD5F1F7C

 

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

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