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Ludwig Wörl, Gerechter unter den Völkern 2026 (13)

Fotos: Ludwig Wörl. Originalfoto: PaulSch Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License; Häftlingskartei des Konzentrationslagers Auschwitz. https://www.yadvashem.org; Das Ehrengrab von Ludwig Wörl auf dem Münchner Waldfriedhof. Originalfoto: PaulSch Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License

Ludwig Wörl - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau  von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten. Einer von ihnen ist der Münchner Ludwig Wörl

Elf Jahre Haft in Konzentrationslagern

Ludwig Wörl wurde 1906 in München geboren. Seine Eltern waren beide katholisch, der Vater Schuhmacher. Seine Kindheit und Jugend verbrachte der Junge in Großhadern in der Nähe der bayerischen Hauptstadt. Nach dem Schulbesuch machte er eine Schreinerlehre und arbeitete nach bestandener Prüfung als Geselle. Er bezeichnete sich selbst als parteipolitisch ungebunden, war aber gleichwohl in der Arbeiterbewegung aktiv und gehörte auch den Naturfreunden an, die sich zum demokratischen Sozialismus bekennen. Drei Jahre nach seiner Eheschließung im Jahre 1928 trat er der Roten Hilfe bei, einem Verein zur Unterstützung linker Aktivisten, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Er leitete dort eine Münchner Ortsgruppe. Nachdem die Nationalsozialisten kurz nach ihrer Machtübernahme die KPD verboten hatten, wurde Wörl in deren Untergrundorganisation aktiv. Er begründete das nach dem Krieg einmal so: „Was die Nazis in unserer Stadt aufführten, die Straßenschlachten und all das, empörte mich“.

Nach Flugblattaktion über das KZ Dachau verhaftet

Wörl arbeitete mit dem Vorsitzenden des Kommunistisches Jugendverbandes zusammen. Nachdem der verhaftet worden war, setzte Ludwig Wörl sich bis zum November 1933 aus München ab. Nach seiner Rückkehr traf der passionierte Bergsteiger und Kajakfahrer Sportfreunde, die aus dem KZ Dachau entlassen worden waren und über die dortige grausame Behandlung der Häftlinge berichteten. Er beteiligte sich an der Flugblattaktion „So ist Dachau“, die auf die unmenschlichen Zustände aufmerksam machen wollte, wurde denunziert und am 5. Mai 1934 von der Gestapo festgenommen. Das machte seine Hoffnung zunichte, die Meisterprüfung als Schreiner ablegen zu können. Zwei Jahre lang hatte er sich darauf in Abendkurse in Fachzeichnen, Holzkunde und Buchführung an der Fachschule in der Liebherrstraße vorbereitet.

Neun Monate in Ketten und Dunkelarrest

Noch am selben Tag kam er selbst ins KZ Dachau und wurde schon beim ersten Verhör misshandelt. Er legte trotzdem kein Geständnis ab, kam daraufhin in den Arrestbau und wurde dort neun Monate lang ununterbrochen in Ketten gelegt, sieben Monate davon im Dunkelarrest. Anschließend leitete er die Lagerschreinerei. Nach Intrigen wurde er aus dieser Position gedrängt und kam als Pfleger in den Häftlingskrankenbau, weil er einschlägige Erfahrungen aus einer Sanitätskolonne des Roten Kreuzes aus dem Gebirgsunfalldienst hatte. Unter anderem hatte er gelernt, wie Brüche geschient werden. Wörl wurde im OP-Raum als Narkotiseur und als Röntgenassistent eingesetzt. Nachdem es ihm gelungen war, sich Fachbücher zu beschaffen, organisierte er sogar Pflegekurse für andere dafür eingesetzte Häftlinge. Wörl behandelte auch den schwer herzkranken späteren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher mit gestohlenen Medikamenten. Über die Jahreswende 1939/40 wurde er für einige Monate ins KZ Flossenbürg überstellt, weil das Lagergelände in Dachau zur Ausbildung der SS-Totenkopfdivision genutzt und die Häftlinge auf andere Konzentrationslager verteilt wurden.

Lagerältester in Auschwitz

Zwei Jahre später kam er mit 16 anderen Dachauer Häftlingspflegern und Schreibern nach Auschwitz, wo eine Fleckfieber-Epidemie ausgebrochen war. Er baute in Auschwitz-Monowitz, das eigens für Häftlings-Zwangsarbeit in Industrieanlagen gebaut wurde, als Lagerältester die medizinische Versorgung für kranke Häftlinge maßgeblich mit auf. Weil er kein Arzt war, gab es trotz seines großen Engagements auch Probleme bei der Behandlung der Patienten und beim Betrieb des Häftlingskrankenbaus. Ludwig Wörl versteckte Häftlinge und rettete jüdische Ärzte vor dem Tod in der Gaskammer, indem er sie im Häftlingskrankenbau einsetzte. Im März 1943 wurde er als Lagerältester des Häftlingskrankenbaus in das Stammlager des KZ Auschwitz versetzt. Auch dort versuchte er gemeinsam mit anderen, Leben zu retten. Nach seinen Worten sei es ihnen vor allem auf seine Initiative hin gelungen, die „Todesziffer allein im Stammlager mit einer Belegschaft mit 18.000 Häftlingen von 600 bis 700 Toten täglich durchschnittlich auf fünf bis 15 täglich zu senken. Von August bis November 1943 wurde Wörl mit zwei Kameraden für drei Monate in den Bunker gesperrt, weil sie Selektionslisten gefälscht hatten. Sie setzten Namen von schon zuvor gestorbenen Häftlingen in die Todeslisten ein. Das fiel aber bald auf. Mit drei Kameraden aus dem Krankenbau saß er in den Todeszellen, wo sie Zeugen einer großen Zahl von Erschießungen wurden. Nur knapp und mit Unterstützung jüdischer und politischer Häftlinge entgingen sie selbst diesem Schicksal. Im Januar 1944 wurde Wörl Lagerältester des Stammlagers, aber nach Intrigen auch von diesem Posten wieder abgelöst. Als er dann im Juli 1944 Lagerältester im Auschwitzer Außenlager Güntergrube wurde, setzte er sich auch dort für seine Mithäftlinge ein, die eine Schachtanlage für den Kohlebergbau errichten sollten, was bis zum Kriegsende aber nicht gelang. Bei der Räumung des KZ Auschwitz ab Mitte Januar 1945 wurde Wörl in das KZ Mauthausen gebracht und dort im Außenlager Ebensee am 6. Mai 1945 von  Angehörigen der US-Armee befreit.

Einsatz gegen das Vergessen

Ludwig Wörl kehrte stark abgemagert nach München zurück. Nach seiner elfjährigen Haftzeit war seine Gesundheit aufs Schwerste geschädigt. Vergleicht man Fotos von ihm aus dem Jahr 1945 und 1964, sieht man nicht auf den ersten Blick, dass es sich um denselben Menschen handelt. Seinen erlernten Beruf als Schreiner konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Er hielt sich mit einem kleinen Lebensmittelladen und mit den im bürokratischen Kleinkrieg erkämpften Entschädigungszahlungen und schließlich mit einer Berufsunfähigkeitsrente mehr schlecht als recht über Wasser. Er pflegte Kontakte zu Auschwitz-Überlebenden. Weil er als ehemaliger Funktionshäftling sehr gut über die Geschehnisse im Lager informiert war, stellte er sich für NS-Prozesse als Zeuge zur Verfügung und half bei der Suche nach Zeugen

„Mit Befehlsnotstand darf man mir nicht kommen“

Über die „Entschuldigung“ vieler Angeklagter, sie hätten nur Befehle ausgeführt, sagte er einmal: „Mit Befehlsnotstand darf man mir nicht kommen, ich bin selbst der Beweis, dass es anders auch ging. Und ich war nicht der Einzige, der so gehandelt hat“. Spätestens ab Frühjahr 1958 leitete er auch die Landesgruppe Bayern des Deutschen Auschwitzkomitees trotz seiner kritischen Haltung gegenüber dieser Organisation. Auf sein Betreiben hin wurde eine Liste von ehemaligen Angehörigen der Lager-SS zusammengestellt, die später Basis für eine Kartei wurde. Als Vorsitzender der Organisation Ehemaliger Auschwitzhäftlinge in Deutschland hielt Wörl die Erinnerung an die Opfer der Konzentrationslager in der deutschen Bevölkerung aufrecht.

Zwischenfall beim Auschwitz-Prozess

Auch im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess sagte er als Zeuge aus. Dabei kam es zu einem Zwischenfall. Nachdem Ludwig Wörl ausgesagt hatte, wie der später zu lebenslangem Zuchthaus verurteilte Angeklagte Oswald Kaduk mit einer Pistole mehrere Kinder zu den Gaskammern getrieben hatte, sprang er plötzlich von seinem Zeugenstuhl auf, wandte sich Kaduk zu und rief „Die Pistole stießt du ihnen in den Rücken!“  Dann demonstrierte er, wie der damalige SS-Unterscharführer die Kinder in den Tod trieb und untermalte das mit den Worten „So! So!“ Nun sprang auch der ehemalige SS-Mann auf und brüllte Wörl mit sich überschlagenden Worten an. Erst als der Oberste Richter rief „Hinsetzen! Schreien Sie nicht den Zeugen an!“ und Polizisten Kaduk wieder in seinen Stuhl zurückdrückten, beruhigte sich die Lage wieder. Nach seiner Zeugenaussage erhielt Ludwig Wörl anonyme Briefe mit Drohungen.

Wertungen

Der Autor Bruno Baum schrieb in seinem Buch „Widerstand in Auschwitz“ über Wörl: „... hat als Lagerältester des Krankenbaus ... viel dazu beitragen, dass die Atmosphäre besser wurde, d.h. eine Reihe krimineller Banditen wurde aus ihren Funktionen entfernt. Auch die furchtbaren sanitären Verhältnisse konnten nun geändert werden. Später, als Lagerältester des Stammlagers ... führte er ebenfalls einen energischen Kampf gegen die Berufsverbrecher... Schließlich wurde er als Lagerältester abgelöst und strafversetzt...“ Wörls KZ-Kamerad Hermann Langbein urteilte wie folgt über ihn: „„Vor seiner Verhaftung hat er in bescheidenen Verhältnissen gelebt, in die er nach der Befreiung zurückkehrte. Im Lager hat er weit größere Macht erhalten, als er jemals besaß. Die SS hatte ihn zum ,Führer´ gemacht und er hatte nicht die Kraft, allen Verlockungen zu widerstehen, welche das Führerprinzip denen anbot, die aus der Masse herausgehoben wurden. Er hat es entschieden abgewehrt, zum Werkzeug der SS herabzusinken, weshalb er sich deren Gunst nicht erhalten konnte. Mitgefangenen gegenüber spielte er jedoch auch dann die Autorität seiner Funktion aus, sobald er sich von ihnen nicht gebührend anerkannt fühlte, wenn diese keineswegs böswillig waren, aber in irgendeiner Frage nicht seine Meinung teilten.

… und Ehrungen

Ludwig Wörl wurde 1963 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt. 1966 erhielt er den vom Zentralrat der Juden in Deutschland den Leo-Baeck-Preis verliehenen für seinen Einsatz für die jüdische Gemeinschaft und weil es ihm gelungen sei, aus den dunklen Kapiteln deutscher Geschichte Lehren für die Zukunft zu ziehen. Wörl habe versucht zusammen mit anderen, Leben zu retten. So sei es ihnen vor allem auf seine Initiative hin gelungen, die Todesziffern zu senken. Im selben Jahr wurde er mit der Medaille „München leuchtet“ in Gold ausgezeichnet und erhielt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Ludwig Wörl starb am 27. August 1967. Er wurde auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Ihm zu Ehren gibt es seit 1995 im Stadtteil Neuhadern den Ludwig-Wörl-Weg. 

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

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