

Fotos: Pfarrer Albert Riesterer. Foto: Otto Riedmüller, Hegau-Geschichtsverein und das Grab von Pfarrer Albert Riesterer Foto: JoachimKohler-HB CC-AS 4.0
Pfarrer Albert Riesterer katzbuckelte nicht gern
von Klemens Hogen-Ostlender
Albert Wilhelm Riesterer wurde am 21. März 1898 in Grafenhausen im Breisgau geboren. Er war das siebte Kind seiner Eltern Josef und Elisabeth Riesterer. Auf Anregung des Staufener Pfarrers Adolf Schuler nahm der Junge an dessen Lateinunterricht teil, was in ihm das Interesse für den Priesterberuf weckte. Er besuchte schließlich das Berthold-Gymnasium in Freiburg und wohnte im Erzbischöflichen Knabenkonvikt. Im Ersten Weltkrieg erhielt Albert Riesterer mit 19 Jahren 1917 den Gestellungsbefehl zu den Luftstreitkräften. In Hannover wurde er als Scheinwerfergehilfe der Flugabwehr ausgebildet und in dieser Funktion anschließend in Freiburg im Breisgau eingesetzt. Ende Januar 1919 folgte die Entlassung aus dem Kriegsdienst. Als Auszeichnung hatte er das Frontkämpfer-Ehrenkreuz erhalten. Er studierte in Freiburg Theologie und empfing dort 1925 die Priesterweihe. Bis 1929 war der junge Vikar in Eberbach am Neckar eingesetzt. Schon dort widmete er sich, wie danach bis 1932 in St. Georgen bei Freiburg, der Jugendarbeit. Weil ein Witz über einen preußischen Junker, den er erzählte, Anstoß erregt hatte, versetzte das Erzbischöfliche Ordinariat dann nach Stockach. Dort gründete er eine Pfadfindergruppe und leitete auch die Kolpingjugend.
Kurz nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen waren, stand Albert Riesterer bei ihnen schon unter Beobachtung. Er hatte Veranstaltungen der kirchlichen Jugendverbände nicht wie vorgeschrieben beim Ortsgruppenleiter angemeldet. Am 23. Oktober 1934 schickte das Erzbischöflichen Ordinariat ihn als Pfarrverweser in die Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Mühlhausen (heute Mühlhausen-Ehingen), wo der Pfarrer aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand getreten war. Wie bereits in Stockach gründete der Nachfolger dort eine Pfadfindergruppe. Die Besucherzahlen der Messen stiegen, weil er schnell das Vertrauen seiner Gemeindemitglieder gewann. Im September 1936 wurde Riesterer formell Pfarrer. Als alle nicht national-sozialistischen Jugendgruppen im selben Jahr verboten wurden, gingen die Pfadfinder in der Schar der Ministranten auf. Trotz des Verbots unternahm der Pfarrer mit ihnen weiter zahlreiche Aktivitäten. Als er einmal am Patroziniumsfest der Gemeinde unerlaubt eine Familienfeier veranstaltet hatte, wurde er vom badischen Bezirksamt Konstanz zu 20 Reichsmark Geldstrafe verurteilt.
„Schutzhaft“ und Konzentrationslager
Auch als 1938 zwei fanatische Nationalsozialisten Lehrer und kommissarischer Bürgermeister in Mühlhausen wurden, war das Katzbuckeln nicht die Art des Pfarrers, „weder der Kirchenleitung, noch weniger dem ‚Braunen Geist‘ gegenüber“, wie er in seinen Erinnerungen später schrieb. Am 25. September 1940 wurde Albert Riesterer zum Wehrdienst bei der Luftwaffe auf einem Flugplatz im Westerwald einberufen, im Januar 1941 aber krankheitsbedingt im Rang eines Unteroffiziers wieder entlassen. Am 1. Juli 1941 verhaftete ihn die Gestapo während eines Zeltlagers mit den Ministranten vor deren Augen. Er erhielt drei Monaten „Schutzhaft“ im Untersuchungsgefängnis Konstanz mit der Begründung „weil er in der staatlichen Jugenderziehung eine Bedrohung sieht und mit allen Mitteln und Kräften sie zu sabotieren unternimmt.“ Schutzhaft war im Nationalsozialismus ein Instrument der „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ und machte die Betroffenen völlig rechtlos. Nach seiner Entlassung im Oktober 1941 wurde Albert Riesterer des Landes Baden und Hohenzollern verwiesen.
Bereits am 26. Oktober nahm das NS-System ihn in Freudenstadt wieder in Schutzhaft. Der kommissarische Bürgermeister von Mühlhausen war über die Anhänglichkeit der Gemeinde an ihren Pfarrer so erbost gewesen, dass er eigens nach Berlin fuhr, um das zu erreichen. Albert Riesterer kam anschließend nach wenigen Tagen, am 14. November 1941, in den Priesterblock des Konzentrationslagers Dachau. Gesuche der Freiburger Kirchenbehörde und seiner 74-jährigen Mutter um Freilassung blieben erfolglos. Die oberste Gestapo-Instanz beschied Elisabeth Riesterer: „Ihr Sohn ist in seinen Predigten und in seinem sonstigen Verhalten in äußerst staatsabträglicher Weise in Erscheinung getreten. Im Interesse der Staatssicherheit wurde daher seine Festnahme erforderlich. Gerade in der gegenwärtigen Kriegszeit muß von allen deutschen Volksgenossen ein bedingungsloser Einsatz für den nationalsozialistischen Staat erwartet und alles unterlassen werden, was die innere Widerstandskraft unseres Volkes irgendwie schwächen könnte. Leider bietet das Verhalten Ihres Sohnes noch nicht die Gewähr dafür, daß er diesen selbstverständlichen Pflichten im Falle seiner Freilassung nachkommen wird.“
Politischer Gefangener
In Dachau fiel ihm als Erstes am Toreingang die Losung „Arbeit macht frei“ auf. Er wurde geschoren und geduscht und erhielt als politischer Häftling auf seiner „Zebrakleidung“ den Roten Winkel sowie die Häftlingsnummer 28 658 aufgenäht. Auf dem Appellplatz bemerkte er die Besserstellung der deutschen gegenüber den polnischen Priestern. Im Unterschied zu den deutschen Gefangenen standen die Polen dort ohne Mäntel und Socken. Albert Riesterer freute sich in der Haft stets über den Erhalt von Briefen aus der Hand des Freiburger Erzbischofs, Conrad Gröber. Nach einer Beschreibung des Zusammenlebens mit den Mitgefangenen im Priesterblock, dem sadistischen Stubenältesten und der wachsenden Angst vor den so genannten „Invalidentransporten“ in die Tötungsanstalt Hartheim in Österreich erwähnte der gefangene Pfarrer in seinen Erinnerungen auch drei Stationen für Menschenversuche im Lager: Die Malaria-Versuchsstation unter Leitung von Professor Claus Schilling, die Luftwaffen-Unterwasser-Versuchsstation mit den Unterkühlungs-Experimenten von Siegmund Rascher und die Phlegmone-Station unter Heinrich Schütz. Schilling wurde nach dem Krieg von der US-Armee hingerichtet, Rascher bereits vor Kriegsende von der SS, nachdem er bei Heinrich Himmler in Ungnade gefallen war, Schütz erhielt 1975 eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren wegen Beihilfe zum Mord, die er wegen Haftunfähigkeit allerdings nicht antreten musste.
Zugänge aus Auschwitz
Aus den Erinnerungen Albert Riesterers geht hervor, dass er damals genau wusste, was in Auschwitz geschah: „Vom Judentötungslager Auschwitz, wo unser früherer Lagerführer und Mörder Hoffmann sich austobt, hat man bei uns schon viel erzählen gehört. Johann Wujek, mein polnischer Priesterkamerad[1], weiß endlich authentische Nachricht, denn gestern kamen polnische Priester aus Auschwitz als Zugänge. Das Essen ist besser als hier. Die Priester erzählen: Jeden Tag kommt ein Zug mit etwa 800 Juden, besonders aus Südfrankreich, in Auschwitz an. Es sind ganze Familien, Männer, Frauen und Kinder. Früher hat man sie in Auschwitz wenigstens registriert, jetzt kommen sie ohne Papiere. Am Bahnhof steigen die Unglücklichen aus, und ein von der SS gekaufter Jude läßt eine Musikkapelle spielen zur Begrüßung. Dann hält er eine Rede: er sei Jude, es gehe uns hier gut. ,Ihr habt Glück. Eure Sachen bindet zusammen und schreibt den Namen daran. Jetzt geht es ins Bad und seid guten Mutes`! Sie fahren auf einem Rollwägelchen in die Gaskammer, dort einige Minuten Aufenthalt, und die Toten fahren in die Verbrennungsöfen daneben“.
In Dachau absolvierte Albert Riesterer auch eine einjährige Ausbildung auf der Plantage im Projekt biologisch-dynamische Landwirtschaft unter der Leitung von Martha Künzel, die wie Heinrich Himmler der Anthroposophie zuneigte. Der Gefangene beschrieb sie später so: „Eine SS-Dame..., die in weißer Laboratoriumsschürze mit zwei Häftlingen im Gewächshaus 2 arbeitete“. Sie betrieb ihre Forschung im Auftrag von Himmler persönlich. Künzel verfolgte bei ihrer Arbeit einen esoterischen Ansatz. Sie maß Äther- und Astralenegie entscheidende Bedeutung bei und versuchte in Séancen, die Natur einer von ihr gehaltenen Kröte zu erfassen. Die im KZ praktizierte Zuneigung auch zu anderen Tieren wie dem Foxterrier des Lagerführers Egon Zill und die aufwändige Verpflegung und Betreuung der 5.000 Angorakaninchen, die der Gewinnung von Wolle dienten, waren für Riesterer ein Beispiel für die „Perversität der SS-Kreise“. Er unterstand Martha Künzel als Funktionshäftling und übernahm nach ihrem Weggang am 1. Oktober 1943 ihre Arbeit. Nach Kriegsende war Künzel zunächst in der Tschechoslowakei interniert. Anschließend zog sie nach Baden-Württemberg und verschwieg ihre Verstrickung in nationalsozialistische Kriegsverbrechen. Sie starb 56-jährig 1957 und blieb für ihre Beteiligung an der Ausbeutung von KZ-Häftlingen juristisch unbestraft.
Rückkehr ins normale Leben
Am 9. April 1945, einem Montag, wurde Albert Riesterer angesichts des Vorrückens der Alliierten knapp drei Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers entlassen.Unterstützt von Mutter Elisabeth und Haushälterin Balbine Paul gewöhnte er sich wieder an das normale Leben und kräftigte seinen auf 48 Kilogramm abgemagerten Körper so, daß er an Allerheiligen des selben Jahres wieder die Pfarrei Mühlhausen übernehmen konnte. In dieser Zeit schrieb er seine 50-seitige Broschüre „Auf der Waage Gottes“. Er betätigte sich gern schriftstellerisch und verfasste unter anderem für das Konstanzer Sonntagsblatt den Fortsetzungsroman „Der Gekreuzigte“. Als Heimatforscher fanden seine Artikel Niederschlag in den Jahrbüchern des Hegau-Geschichtsvereins.1959 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Mühlhausen ernannt und trat 1967 in den Ruhestand in Dingelsdorf bei Konstanz. 1978 wurde Albert Riesterer mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, 1981 zum Subsidiar der Pfarrei Dingelsdorf bestellt und 1982 zum Geistlichen Rat ehrenhalber ernannt.
Riesterer siedelte 1984 ins Altenheim St. Franziskus in Überlingen über und starb am 20. Februar 1996. Bis zuletzt war er dem Wahlspruch treu geblieben, den er schon als Vikar hatte und den er auch in einem aus dem KZ geschmuggelten Kassiber bekannte: „Der da oben wird’s schon richten!“ In der Gemeinde Mühlhausen-Ehingen ist es heute Tradition, dass der Gemeinderat in seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause die Preisträger des „Pfarrer-Albert-Riesterer-Preises“ würdigt. Der Preis ist auch ein Aufruf an junge Menschen, sich für ein Leben in der Gemeinschaft zu engagieren. In Mühlhausen-Ehingen gibt es eine Albert-Riesterer-Straße und in Dingelsdorf, einem Ortsteil von Konstanz, einen Albert-Riesterer-Weg.
[1] Wujek Angehöriger des Ordens Missionare der Hl. Familie, war seit dem 30. 10. 1941 im KZ und wurde am 29. 4. 1945 befreit
Mehr Informationen über die Statue „Unsere von Dachau“8131/13916 08131/13916
Foto: Jules Jost, Rechte: Fédération des Enrolés de Force
Biografie über einen besonderen luxemburger Geistlichen unter den inhaftierten Geistlichen im KZ Dachau
Jules Jost und der Schrecken von Kaufering von Klemens Hogen-Ostlender
Jules Jost kam 1914 in Rümelingen im Süden Luxemburgs unweit der französischen Grenze zur Welt. Nach seinem Studium in Metz und Luxemburg wurde er 1940 zum Priester geweiht und kam als Kaplan in die Pfarrei St. Joseph in Esch an der Alzette. Doch kurz zuvor war etwas geschehen, das sein Leben ganz entscheidend beeinflussen sollte. Im Mai hatte das NS-Regime die Niederlande, Belgien, Frankreich und Luxemburg überfallen. Den jungen katholischen Priesteramtsanwärter war sofort klar geworden: Mit der Besetzung seiner Heimat war nicht nur die Unabhängigkeit des Landes in Gefahr, sondern auch die christliche Religion. Tatsächlich versuchten die Nationalsozialisten, den bislang starken gesellschaftlichen und politischen Einfluss der katholischen Kirche in Luxemburg zu unterdrücken. Sie befürchteten, dass die Menschen religiöse Zeremonien und Traditionen als Ausdruck des Protestes nutzen würden. Jules Jost begann, verfolgten Menschen, unabhängig von ihrer politischen oder religiösen Bindung beizustehen.
Verhaftung
Er engagierte sich in der Fluchthilfe für französische Kriegsgefangene und arbeitete bei dieser gefährlichen Tätigkeit mit örtlichen Unterstützern zusammen. Zahlreiche Gefangene, die in Deutschland zum Beispiel im Stammlager XII D auf dem Trierer Petrisberg interniert waren oder in dessen Außenkommandos Zwangsarbeit leisten mussten, flohen von dort und versuchten, sich über Luxemburg in ihr Heimat durchzuschlagen. Jules Jost nahm etliche von ihnen auf und verstecke sie in der Kirche im Beichtstuhl und im Pfarrhaus von Esch. Ab dem Sommer 1942 kam Fluchthilfe für Luxemburger hinzu, die sich der in Deutschland drohenden Zwangsarbeit entziehen wollten. Jost druckte nun auch Streikaufrufe. Zuerst wurden mehrere seiner Helfer verhaftet. Dann traf es Jules Jost selbst. Am 30. November 1942 nahm die Gestapo ihn wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ kurz nach der Messe an diesem Montag fest, durchsuchte das Pfarrhaus und brachte ihn zunächst in ihre Luxemburger Zentrale.
Im Herbst kam er in das Konzentrationslager Hinzert im Hunsrück unweit von Trier. 1939 war es als „Polizeihaft- und Erziehungslager“ für „Arbeitsscheue“ eingerichtet worden. Ein Teil diente als „SS-Sonderlager“ der Inhaftierung von „Rückfälligen, notorischen Faulenzern und Gewohnheitstrinkern“. 1940 wurde alles in ein KZ umgewandelt. Bis zu seiner Räumung 1945 durchliefen rund 14.000 männliche Häftlinge im Alter zwischen 13 und 80 Jahren den Komplex. Der Kommandant, Paul Sporrenberg, hetzte nach der Ankunft des Neuzugangs als erstes seinen großen Schäferhund auf Jules Jost. Am nächsten Tag kam der Häftling zum Dunkelarrest in den so genannten Bunker, in dem er bis kurz vor Weihnachten blieb. Sporrenberg waren die Soutanen der Geistlichen ein Dorn im Auge, sodass er sie graue Uniformen mit aufgenähten Pax-Zeichen auf Brust und Rücken tragen ließ. Im April 1943 war Jules Jost vorübergehend in „Schutzhaft“ im Luxemburger Gefängnis, kam später kurz in die Trierer Haftanstalt und wurde dann ins Konzentrationslager Dachau gebracht.
Ohrfeigen und Fußtritte
Dort wurde er gleich beim Betreten des Lagers mit Ohrfeigen und Fußtritten traktiert. Zwei Tage später schrieb er den ersten Brief aus dem berüchtigten KZ an seine Verwandten daheim. „Dachau“ war nach einem Jahrzehnt seiner Existenz ein allseits gefürchteter Begriff. Negatives über die Zustände dort zu schreiben, hätte dem Häftling gleichwohl eine brutale Bestrafung eingebracht oder ihn vielleicht gar das Leben gekostet. So wählte Jost das Stilmittel der bombastischen Lobhudelei und schrieb unter der Einleitung „Meine Lieben“ Worte, bei denen dem SS-Zensor offenbar nicht auffiel, wie sarkastisch sie auf Angehörige eines Mannes wirken mussten, der vom Regime als Hochverräter behandelt wurde: „Nach guter Reise bin ich gut hier angekommen u. bin jetzt äußerst zufrieden u. überglücklich in meinem Los. Ich bin viel besser bestellt als vorher, seid also ohne Sorgen; ich erfahre hier nur Entgegenkommen u. Aufmerksamkeit“. Er erläuterte dann die Regeln für den Empfang von an Briefen und Paketen und bat um gelegentliche Zusendung von einigen Briefmarken sowie um „einen Geldbetrag von 10 – 20 Rm für Einkauf in der Kantine“. Zum Schluss wurde er wieder überschwänglich, diesmal aber tatsächlich angesichts des Wissens, dass es im Priesterblock eine Kapelle gab: „Das schönste Glück werde ich bald erfahren als Priester u. biete jetzt schon meiner lieben Mama als Namenstagsgeschenk meine erste Hl. Messe in Kommunion an.In diese Meinung schließe ich euch alle ein“. Für dieses schönste Glück mussten die in KZ gefangenen Priester allerdings früh aufstehen, denn die Messe hatte vor dem 5-Uhr-Morgenappell beendet zu sein. Jules Jost bemühte sich in Dachau von Anfang an, anderen zu helfen, wo immer er helfen konnte und erwarb sich dadurch Achtung und Respekt seiner Umgebung.
Der Hinrichtung entronnen
Am 22. Februar 1944 erhielt Jules Jost nach dem Appell die Mitteilung, er würde entlassen. Ein bewaffneter SS-Mann brachte ihn dann aber am nächsten Morgen zum Dachauer Bahnhof zum Eilzug aus Wien. Dem war ein Gefängniswagen angehängt worden. Über Frankfurt sollte Jost mit Leidensgenossen nach Trier befördert werden. Endziel für alle war nämlich nicht die Freiheit, sondern das KZ Hinzert. Dort sollten der Priester und 29 weitere Luxemburger erschossen werden. Der Zug kam allerdings nur bis Frankfurt. Dort geriet der Zug nach Josts Bericht in einen Bombenangriff, durch den der Bahnhof in Mitleidenschaft gezogen wurde, und die Häftlinge konnten nicht weiter. Dieser Angriff ist in den geschichtlichen Quellen allerdings für den 2. März verzeichnet. Wieso es acht Tage dauerte, bis der Zug in Frankfurt ankam, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die Gefangenen wurden jedenfalls zunächst in eine ehemalige Synagoge gesperrt. Mit einiger Verspätung erreichte Jules Jost mit einigen Landsleuten, die ebenfalls nach Hinzert sollten, Trier. Dort wurden alle erneut ins Gefängnis gesperrt. Als man sie eines Morgens hinausführte, glaubten sie, sie würden gleich vor dem Erschießungskommando stehen. Alle kamen aber wieder zurück dorthin, wo ihre Irrfahrt begonnen hatte. Seine Kameraden begrüßten Jules Jost am 11. März wieder in Dachau. Erst nach dem Krieg erfuhr der Luxemburger die Hintergründe. 23 Luxemburger wurden im Konzentrationslager Hinzert tatsächlich erschossen. Jost und sechs weiteren hatte der Luftangriff also das Leben gerettet. Sie waren zu spät zur eigenen Hinrichtung gekommen und hatten so überlebt.
Häftlinge aus dem Priesterblock durften aus dem KZ Dachau normalerweise nicht in eins der 149 Außenlager verlegt werden. Jost schaffte es im Laufe der Zeit aber, einen Posten in der „politischen Abteilung“ zu bekommen, die für das gesamte Registraturwesen des KZ (Aufnahme, Transport und Entlassung der Häftlinge) zuständig war. Dort wurde er als Schreiber eingesetzt und kam in die Außenlager im Bereich Kaufering und Landshut. Das war der größte Komplex von Außenlagern, die zum KZ Dachau gehörten. Dort wurden drei riesige halb unterirdische Bunker für die Flugzeugproduktion des Düsenstrahljägers Messerschmitt Me 262 und andere Rüstungsprojekte begonnen. Als billige Arbeitskräfte schaffte die SS ab dem 18. Juni 1944 zunächst aus Litauen und Ungarn stammende Juden aus dem KZ Auschwitz herbei. Bald kamen außerdem viele weitere jüdische Häftlinge aus anderen Lagern, die die Vernichtung bis dahin überlebt hatten, dazu.
Geheimes Zugangsbuch
Die Lager bestanden bis Ende April 1945. Die meisten Insassen mussten in primitivsten Erdhütten schlafen. Dafür wurden Gruben ausgehoben und mit simplen Holzdächern abgedeckt. Die hygienischen Verhältnisse und harte körperliche Arbeit forderten zahllose Opfer. Die Toten wurden in Massengräbern verscharrt. Nach dem Krieg entstanden an den aufgefundenen Orten KZ-Friedhöfe. Zum Jahreswechsel 1944/45 wurde das Außenlager Kaufering IV in Hurlach zum „Sterbelager“ des Komplexes umfunktioniert und unter Quarantäne gestellt, mit zunächst etwa 1400 und im April über 3000 Gefangenen. Darmkrankheiten, Ödeme, Krätze,Schwäche, Typhus und Lungentuberkuloe waren dort typische Todesursachen. Ohne die akribische Arbeit von Jules Jost wäre das Ausmaß des Elends heute nicht mehr bekannt. Er verzeichnete vom 18. Juni 1944 bis 9. März 1945 für die SS im Eingangsbuch exakt 28.838 Gefangene im offiziellen Zugangsbuch. Eine Abschrift, deren Entdeckung ihn das Leben gekostet hätte, versteckte er so gut, dass sie nicht entdeckt wurde.
Dank dieser Aufzeichnungen steht fest, dass bis Ende April 1945 in den elf Lagern etwa 30.000 Häftling eingekerkert waren, unter ihnen 4.200 Frauen und 850 Kinder. Binnen nur zehn Monaten kamen nach Schätzungen aus früher Nachkriegszeit mindestens 14.500 Menschen ums Leben. Auch danach kamen weitere Transporte mit Häftlingen ein. Bis Ende Oktober 1944 wurde jeder, der nicht mehr arbeiten konnte, zurück nach Auschwitz in die Gaskammern geschickt. Allein im September und Oktober 1944 traf dieses Schicksal mehr als 1.300 Menschen. Der letzte Transport dorthin mit 1.020 Todeskandidaten aus fünf Kauferinger Lagern fand am 25. Oktober 1944 statt. Ab November hörten die Transporte auf, weil die Gaskammern in Auschwitz demontiert waren.
Selimar Frenkel
Jules Jost kam in den Kaufering-Lagern mit Tausenden von jüdischen Häftlingen in Kontakt, die aus Auschwitz-Birkenau dorthin verlegt worden waren. Er meditierte mit Rabbinern und erlebte mit, wie im Lager ein Kind geboren wurde. Er registrierte das Baby als Neuzugang und konnte nichts dagegen tun, dass es mit seiner Mutter als „unnütze Münder“ nach Auschwitz ins Gas geschickt wurde. Er begegnete dem berüchtigten SS-Arzt Josef Mengele und dem gefürchteten Schutzhaftlagerführer des KZ Auschwitz, Hans Aumeier. Jules Jost lernte aber unter anderem auch Selimar Frenkel kennen, der vor der Deportation im Ghetto von Kaunas in Litauen gelebt hatte. Im Lager Kaufering IV Hurlach war er im zionistische Untergrund aktiv. Als Redakteur und verantwortlicher Herausgeber der hebräischen Untergrund-Zeitschrift „Nitzotz“ („Der Funke“) spielte er dort eine wichtige Rolle. Die Ausgaben der Zeitschrift wurden einzeln mit der Hand geschrieben. Sie beschäftigten sich mit der Zukunft im Land Israel, den Verbrechen an den Juden und den politischen Konsequenzen daraus, zum Beispiel dem Umgang mit Kriegsverbrechern. Fünf der insgesamt 42 illegal angefertigten Exemplare von Nitzotz konnten dank der Hilfe von Abbé Jules Jost und eines spanischen Gefangenen gerettet werden. Sie finden sich heute in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und sind auch ins Englische übersetzt worden. Unter dem Namen Shlomo Shafir wurde Selimar Frenkel in Israel Journalist und Historiker und war unter anderem Chefredakteur des World Jewish Congress.
Befreiung
Am Nachmittag des 29. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Konzentrationslager Dachau. Mit ihnen kam ein Landsmann, über den Jules Jost festhielt: „Vor uns stand – wir trauten kaum unseren Augen – Prinz Félix. Staubig und todmüde, ergriffen und stolz, war er 19 Stunden lang ununterbrochen durchgefahren mit seinem Flügeladjutanten Paul Koch und wollte uns als Erster den Gruß den Dank der Heimat überbringen. In diesem Augenblick war alles Leid vergessen und wir waren froh und stolz, treu ausgeharrt zu haben und wieder freie Luxemburger zu sein“. Prinz Félix von Luxemburg (der Urgroßvater des heutigen Prinz Félix) war der Ehemann von Großherzogin Charlotte und spielte eine wichtige Rolle bei der Befreiung Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg. Nach dem 29. April 1945 half er dabei, ehemals politische Gefangene in die Heimat zurückzuführen, was seine enge Verbindung zu Luxemburg und seinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten unterstrich.
Josts Leidenszeit war vorbei und er konnte in seine Heimat zurückkehren. Noch im selben Jahr wurde er zum Bistumssekretär und Generalaumonier (oberster Militärgeistlicher) der Luxemburger Armee ernannt. In dieser Funktion war er bis 1966 tätig und wurde danach Dechant der Pfarrei St. Michel im Zentrum der Hauptstadt. Für seine mutigen Taten wurde er unter anderem mit der Medal of Freedom der USA und dem Grand Prix Humanitaire de France geehrt. Nach seiner Pensionierung lebte er zurückgezogen bis zu seinem Tod im Jahr 1998.
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