

Fotos: Edmond Michelet nach der Befreiung aus dem KZ Dachau in Häftlingskleidung; Der französische Politiker Edmond Michelet. Foto: Gemeinfrei; Dieser Platz im Stadtzehnrum von Paris wurde nach dem Politiker benannt. Foto: Gemeinfrei; .1975 gab die französische Post diese Gedenkmarke an Edmond Michelet heraus. Foto: Gemeinfrei
Edmond Michelet - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.255 Franzosen. Einer von Ihnen ist Edmond Michelet.
Ein überzeugter Katholik
Edmond Charles Octave Michelet wurde am 8. Oktober 1899 in Paris als Sohn von Florentin Octave Michelet und seiner Frau Victoire Jehanne geboren. Er erhielt 1912 sein Studienzertifikat und meldete sich 1918 bei der Infanterie, kam jedoch nicht mehr an die Front. 1921 Kehrte Michelet im Rang eines Oberfeldwebels ins Zivilleben zurück und entwickelte sich zu einer der prägendsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der christdemokratischen Bewegung Frankreichs in der Zwischenkriegszeit. Er lebte als Handelsvertreter in Brive-la-Gaillarde am Rand des Zentralmassivs. Er war Vorsitzender der Katholischen Jugend seines Heimatdépartements Corrèze und engagierte sich für den Sozialen Katholizismus, stets darum bemüht, die Soziallehre der Kirche bekannt zu machen und zu verbreiten. 1931 rief er in der Region die 1919 gegründeten „sozialen Teams” wieder ins Leben, deren Aufgabe es sein sollte, die während des Krieges geknüpften Beziehungen zwischen Priestern und Laien in Friedenszeiten aufrechtzuerhalten.1938 verurteilte Michelet das Münchner Abkommen.
Der Weg in den Widerstand
Als 1939 der Krieg ausbrach, war Edmond Michelet verheiratet mit Marie Vialle, mit der ihn eine unerschütterliche in allen Prüfungen bewährte Liebe verband, ein Vater von sieben Kindern und fast 40 Jahre alt. Als geborener Organisator hatte er sich in der letzten Zeit um Flüchtlinge aus Spanien und Deutschland gekümmert. Bereit am Vorabend von General De Gaulles Aufruf aus dem Londoner Exil, den Kampf gegen die deutsche Besetzung Frankreichs fortzusetzen, verteilte er in Hausbriefkästen in Brive ein Flugblatt, in dem unter anderem diese Worte standen: „Wer sich nicht ergibt, hat Recht gegenüber dem, der sich ergibt. In Kriegszeiten ist der, der sich nicht ergibt, ein Mann. Und der, der sich ergibt, ist mein Feind ... Und der, der einen Platz aufgibt, wird immer nur ein Schwein sein“. Michelet sammelte Mitglieder der Jungen Christlichen Studenten und der Katholischen Arbeiterjugend um sich und schloss sich der Résistance in der Region an. Offiziell arbeitete er im Büro der Wohlfahrtsorganisation Secours National (Nationale Hilfe). Durch seine Tätigkeit kam er mit Juden und Nichtjuden in Kontakt, die Unterstützung benötigten.
Unterstützung für bedrohte Juden
Mindestens einmal pro Woche besuchte Rose Warfman Edmond Michelet heimlich und ohne Termin. Die Sozialarbeiterin war ihm vom Verband der Juden Frankreichs vermittelt worden. Vordergründig organisierte sie lediglich die Verteilung von Lebensmitteln an jüdische Flüchtlinge in der Stadt. Aber Edmond Michelet übergab ihr außerdem regelmäßig gefälschte Dokumente, darunter Ausweise, Lebensmittelmarken und Überweisungen zu Ärzten. Er behandelte Rose Warfman mit Herzlichkeit und Fürsorge und ging trotz des damit verbundenen persönlichen Risikos aufmerksam auf ihre Bitten ein. Michelet handelte als gläubiger Christ aus humanitären, moralischen und religiösen Motiven und betrachtete die Rettung von Menschenleben als höchste Pflicht. Edmond Michelet veranlasste auch die Unterbringung von zwölf jüdischen Mädchen und zwei Frauen in einem Kloster im nahe gelegenen Aubazines und rettete ihnen damit das Leben. Eins der dort versteckten Mädchen, Betty Dornfast, ließ sich später in Tel Aviv nieder.
Auf dem Weg zur Messe verhaftet
Edmond Michelets unermüdliche Bemühungen brachten ihn wiederholt in große Gefahr. Anfang 1943 wurde er schließlich auf dem Weg zu einer Messe von der Gestapo verhaftet und für sechs Monate im Gefängnis von Fresnes bei Paris inhaftiert. Dort lernte er den deutschen Priester und Gefangenenseelsorger Franz Stock kennen, der in Chartres ein „Seminar hinter Stacheldraht“ ins Leben gerufen hatte. 900 in Kriegsgefangenschaft geratene deutsche Seminaristen konnten dort ihre Ausbildung fortsetzen. Am 15. September 1943 wurde Edmond Michelet ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort blieb er bis zur Befreiung des Lagers am 29. April 1945 durch amerikanische Soldaten offizieller Verantwortlicher für die französischen Gefangenen. Weil des ehemalige KZ wegen einer Typhusepidemie unter Quarantäne gestellt war, blieb er noch weitere vier Wochen dort, ehe er nach Frankreich heimkehren konnte.
Dachau als Sammelpunkt Europas
Dachau war für den Franzosen ein wahrer Sammelpunkt Europas gewesen. Die Zeit dort prägte Michelets Leben in jeder Hinsicht, auch religiös. Er setzte sich in der Haft unermüdlich für seine Mitgefangenen ein. Wie schon in Fresnes betete er im Konzentrationslager allmorgendlich das bewegende Gebet der Schwester Ludwigs des XVI., Elisabeth von Bourbon-Parma, in der Zeit vor ihrer Hinrichtung 1794:
„Was wird mir heute widerfahren, o mein Gott?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur,
dass mir nichts widerfahren wird,
was Du nicht seit Ewigkeiten festgelegt, vorgesehen oder angeordnet hast:
Das genügt mir, o mein Gott, das genügt mir.
Ich verehre Deine ewigen und unergründlichen Beschlüsse;
ich unterwerfe mich ihnen von ganzem Herzen aus Liebe zu Dir;
ich will alles, ich akzeptiere alles, ich opfere Dir alles,
ich verbinde dieses Opfer mit dem von Jesus Christus, meinem göttlichen Erlöser;
ich bitte Dich in seinem Namen und aufgrund seiner Verdienste
um Geduld in meinen Leiden und um vollkommene Unterwerfung,
die dir für alles gebührt, was du willst oder zulässt. So sei es.“
Glaube, Hoffnung und Liebe
Edmond Michelet war sein ganzes Leben lang von einem unerschütterlichen christlichen Glauben beseelt, selbst unter den unmenschlichen Bedingungen des Daseins in Dachau, wo ein Häftling am Morgen nach dem Erwachen nie wissen konnte, ob er den Abend noch erleben wurde. Seine Gebete und der Empfang der Eucharistie halfen ihm, die Zuversicht nicht zu verlieren. Ein KZ-Kamerad nannte ihn später einmal angesichts seiner Gefasstheit einen „franziskanischen Staatsmann”, was Zeitgenossen ebenso treffend erschien wie die Bezeichnung als „Seelsorger Frankreichs“ durch politische Weggefährten. 1970, im Jahr, in dem drei in Frankreich bekannte Männer starben, sollten sie als personifizierte Allegorie der drei theologischen Tugenden gewürdigt werden: der Schriftsteller François Mauriac als Verkörperung des Glaubens, Charles De Gaulle als Symbol der Hoffnung und Edmond Michelet als Beispiel an Nächstenliebe.
Wallfahrt ans Ende der Erde
Nach der Heimkehr 1945 unternahm er eine Dankeswallfahrt zum Heiligtum Notre-Dame de Rocamadour, das er schon vor dem Krieg gern aufgesucht hatte. Es liegt, am Kap Finisterre in der Bretagne. Der Name rührt her vom lateinischen „finis terrae“ (Ende der Erde). Zehn Jahre nach der Befreiung veröffentlichte Edmond Michelet über seine Erfahrungen im KZ das Buch mit dem paradoxen Titel „Rue de la liberté“ (Straße der Freiheit). Die Erzählung war nach den Worten General De Gaulles in seinem Vorwort „ein christliches Zeugnis, das siegreich über die schlimmsten Anschläge des Heidentums triumphiert”. In der deutschen Ausgabe lobte Bundeskanzler Konrad Adenauer Michelet dafür, dass er Deutschland nicht aus der Geografie seines Herzens ausgeschlossen habe. Michelet bekannte im Buch, dass die unauslöschliche Erfahrung Dachau ihn für den Rest seines Lebens geprägt hattet: „Wir haben Narben davongetragen, die nicht alle sichtbar sind . . . Wir haben Abgründe erforscht, in uns selbst und in anderen. Eine gewisse Unschuld ist uns für immer verwehrt.“ Er weigerte sich gleichwohl, Deutschland mit dem Notanalsozialismus gleichzusetzen. Noch an der äußersten Grenze menschlicher Entwürdigung durch Menschen ersehnte er den Tag, „an dem Frankreich und Deutschland sich endlich versöhnt haben werden".
Handeln und Glauben als Einheit
Edmond Michelet leitete ab 1945 zunächst das Französische Patriotische Komitee von Dachau, eine Organisation für die Rückkehr französischer und spanischer Deportierter. Noch im selben Jahr wurde er für die christlich orientierte Partei Mouvement Républicain Populaire (Republikanische Volksbewegung) zum Abgeordneten für das Département Corrèze in die Nationalversammlung gewählt. 1946 berief De Gaulle ihn zum Verteidigungsminister. Später trat Michelet der Partei Rassemblement du Peuple Francais (Versammlung des Französischen Volkes) des Generals bei. Bei einem Kolloquium über die Person Edmond Michelet sagte der katholische Priester und im Widerstand verwurzelte Schriftsteller Pierre Bockel mehr als ein halbes Jahrhundert später über den Politiker: „Die Versöhnung lag ihm im Blut. Keine Wunde war unheilbar, keine Barriere unüberwindbar, keine Annäherung undenkbar”. Edmond Michelet steht in seiner Fähigkeit, politisches Handeln und Glauben miteinander vereinbaren zu können in einer Reihe mit anderen überzeugten Katholiken wie Robert Schuman, Alcide de Gasperi, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle.
Algerien
Vor dem Hintergrund des 1954 im Zuge von Unabhängigkeitsbestrebungen des Landes begonnenen Algerienkriegs veröffentlichte Michelet 1957 die Schrift „Contre la guerre civile“ (Gegen den Bürgerkrieg). Er war empört über das Wiederaufleben des Nationalismus und des „rassistischen Wahnsinns” 1959 wurde er Justizminister der Regierung Michel Debré. Die beiden Männer standen sich in Bezug auf das französische Algerien und die Anwendung von Folter, die Edmond Michelet entschieden ablehnte, kompromisslos gegenüber. Edmond Michelet wurde zum eifrigen Verfechter der Versöhnung zwischen Frankreich und einem unabhängigen Algerien, das 1959 nicht etwa französische Kolonie, sondern Teil des Mutterlandes wie die Hauptstadt Paris, die Normandie und die Provence war. Nach der Wahl de Gaulles zum Staatspräsidenten im selben Jahr errang er wichtige Ämter, darunter Staatssekretär für die Kriegsveteranen, Justizminister, Staatsminister für den öffentlichen Dienst und Staatsminister für Kultur.
Politiker bis zum letzten Tag
Das letzte Amt hatte er bis zu seinem Tod inne. Mitte September 1970 wurde Edmond Michelet, auf dem Weg nach Le Mans zur Einweihung eines Kulturhauses von einem Schlaganfall niedergestreckt. Er verlor die Sprache, aber nicht das Bewusstsein. Begleiter hatten zuvor seine letzten Worte gehört: „Ich habe zu viel getan“. Michelet starb am 9. Oktober 1970. In einem Nachruf hieß es „Er hat uns gezeigt, wie der Geist Christi noch immer in einem Staatsmann wohnen kann.“ Seinem Wunsch gemäß wurde er in Kleidung, wie er sie im KZ Dachau getragen hatte, in einer Marienkapelle beigesetzt, die er 1959 ganz in der Nähe seines Hauses selbst hatte errichten lassen. Acht Priester, alle ehemalige Gefangene aus Dachau, zelebrierten das Seelenamt.
Ehrungen
Zu den Ehrungen, die Edmond Michelet zu Lebzeiten erhielt, gehörten die Verleihung des Kriegsverdienstordens Croix de Guerre, der französischen Widerstandsmedaille und die Ernennung zum Kommandanten der Ehrenlegion. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verlieh ihm posthum den Ehrentitel Gerechter unter den Völkern. Michelets Enkel Benoit Rivière, der Bischof von Autun, sagte über seinen Großvater, bei diesem Mann der Versöhnung habe es nie einen Unterschied zwischen der Liebe zu Gott und der Nächstenliebe gegeben. Ein für den Verstorbenen 1976 eingeleiteter Seligsprechungsprozess ist ins Stocken geraten. Einerseits wurde bisher kein Wunder auf die Fürsprache Michelets anerkannt. Andererseits wurde gesellschaftliche Kritik daran laut, dass er während des Algerienkriegs 1960 durch Erlass die Wiedereinführung der Todesstrafe wegen politisch motivierter Verbrechen verfügt hatte.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Bildtexte: Marinus Engelbertus Jonker. Foto: Yad Vashem; Jonkers Grabstein auf dem Nationalen Ehrenfeld Loenen. Foto: Yad Vashem; Hendrika Jonker mit Elsje (links) und Milly. Foto Yad Vashem
Marinus Engelbertus Jonker – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Marinus Engelbertus Jonker.
Milly Jonker bekommt eine Schwester
Der am 15. August 1904 geborene Versicherungsdirektor Marinus (Miek) Jonker und seine drei Monate jüngere Frau Hendrika Johanna (Ietje) Jonker-Vermeulen wohnten 1942 mit ihrer 1939 geborenen Tochter Milly im niederländischen Arnheim, nicht weit von der deutschen Grenze entfernt. Das Ehepaar war stark sozial engagiert, verabscheute das NS-Regime in Deutschland. Sie waren im Untergrund aktiv, seit die Nationalsozialisten die Niederlande mit Krieg überzogen und nach nur fünf Tagen Kampf besetzt hatten. So war es für Hendrika keine Überraschung, als ihr Mann im Dezember 1942 vorschlug, ein dreijähriges jüdisches Mädchen wie ein eigenes Kind aufzunehmen. Wenige Monate zuvor hatten umfassende Deportationen von Juden in Vernichtungslager in Osteuropa begonnen. Elisabeth Meta (Elsje) Sarluy war drei Jahre alt, als ihre Eltern, der Chemiker Alexander (Lex) Sarluy (1908–1994) und Gesina (Gesma oder Geesje) Elisabeth Sarluy-Snoek in den Untergrund gezwungen wurden. Sie war in Koog aan de Zaan nahe der Nordseeküste bei Amsterdam zur Welt gekommen und hatte einen älteren Bruder, Philip Albert, (Flipje). Seit 1941 lebte die Familie in Hilversum etwa 50 Kilometer östlich von Koog, weil sie vor den zunehmenden Repressalien der Besatzer gegen Juden in ein Gebiet ausgewichen war, das ihr sicherer erschien.
Marinus Jonker geht in den Widerstand
Die junge Ehefrau willigte sofort ein, und Elisabeth Meta Sarluy kam zu den Jonkers. Die beiden kleinen Mädchen schienen mit den Eltern eine perfekte kleine Familie zu sein. Das eine ähnelte dem blonden Vater, das andere der Mutter mit ihren dunklen Haaren und braunen Augen. Da das Paar mit seiner Tochter erst 1941 von Amstelveen nach Arnheim gezogen war, waren die Jonkers dort nur wenige Menschen bekannt, und die Ankunft des neuen Familienmitglieds blieb unbemerkt. Eingeweiht waren lediglich die Nachbarn, Gerrit Jan van Houtum und Adrina van Houtum-Knippenberg mit ihren Töchtern Gerritje (Gerrie) und Hendrika (Riek) sowie einige enge Verwandte. Da beide Familien direkt nebeneinander wohnten, arbeiteten sie eng miteinander zusammen, um das Entdeckungsrisiko zu minimieren. Die geheimen „Gäste“ wurden zwischen den beiden Häusern hin- und hergewechselt, falls Durchsuchungen drohten. Nach außen hin schien es keine Probleme zu geben. Aber Marinus hatte unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht damit begonnen, etwas gegen die Besatzer zu unternehmen. Er unterstützte Menschen, die durch die ersten deutschen Verordnungen in Bedrängnis gerieten und baute Kontakte zu Gleichgesinnten in der Region auf. 1942 war für seine illegalen Aktivitäten der entscheidende Wendepunkt. Mit dem Beginn der systematischen Deportationen von Juden aus den Niederlanden konzentrierte sich Jonker auf die direkte Hilfe für Untergetauchte, so genannte „Onderduikers“. 1943 verriet einer seiner Mitstreiter im Verhör unter der Folter seinen Namen. Die Gestapo verhaftete Marinus Jonker daraufhin am 8. Oktober 1943. Er wurde zunächst in das Konzentrationslager Herzogenbusch im Süden der Niederlande und von dort nach Dachau deportiert Dort kam er nach anstrengendem Bahntransport am 26. Mai 1944 an. Acht Monate lang musste er dort Hunger und unzumutbare hygienische Zustände, Erniedrigung durch das Wachpersonal und Ungewissheit, ob er den nächsten Tag noch erleben würde, ertragen Am 23. Januar 1945, einem wurde der Gefangene 69073 aber entlassen.Entlassen, aber nicht frei
Damit endet die Schilderung seines Leidensweges in manchen historischen Quellen, zum Beispiel im Verzetsmuseum (Widerstandsmuseum) in Amsterdam: „Vrijgelaten 23 jan. 1945“. Doch „entlassen“ bedeutete nur, dass Marinus Jonker nicht mehr der Drangsalierung im Konzentrationslager unterlag. Er war nicht frei und durfte nicht nach Hause. Stattdessen hatte er nur noch 44 Tage zu leben. Der 40-jährige war bereits am nächsten Tag wieder in einem Zwangsverhältnis. Als Zwangsarbeiter der Firma Cyclo (heute Sumitomo Cyclo) in der Dachauer Straße 114 im nur wenige Kilometer entfernten Markt Indersdorf. Die Vorgängerfirma hat während es Kriegs in Weichs Getriebe hergestellt.
Marinus Jonker starb am 8. März 1945 im Bezirkskrankenhaus in Indersdorf. Der zuständige Arzt gab als Todesursache eine Lungenentzündung und Unterernährung an. Im Sterberegister ist vermerkt, dass der Verstorbene „vor kurzem aus dem KZ Dachau entlassen" war. Zwei Tage nach seinem Tod, am Samstag, dem 10. März 1945 beerdigte der katholischen Pfarrer den Leichnam Jonkers auf dem Bezirksfriedhof. Marinus Jonker hatte den Gereformeerde Kerken in Nederland, angehört, die strenggläubiger, orthodox-calvinistisch und organisatorisch unabhängiger vom Staat waren als die Volkskirche Nederlandse Hervormde Kerk. Im Zwangsarbeiterlager in Wagenried gab es einen evangelischen Geistlichen, doch dem war als Häftling die Durchführung der Bestattung auf dem Indersdorfer Friedhof verboten.
In die Heimat überführt
Auf dem von den Amerikanern eingeführten Registerformular aller Todesfälle in der Gemeinde findet sich ein handschriftlicher Vermerkt ohne Datumsangabe „Transferred to Holland“, nach Holland überführt. Am 1. Dezember 1948 stellte „M. Beyer, Pfarrer“ ein Toten-Zeugnis für Marinus Engelbertus Jonker aus ohne Hinweis auf eine etwaige Exhumierung. Kurz darauf ermöglichte die niederländische Regierung aber die Überführung von Kriegsopfern, die in anderen Ländern beerdigt wurden, in die Niederlande. Die Familie von Marinus Jonker machte davon Gebrauch. Dank der Bemühungen des Identifizierungs- und Bergungsdienstes des Kriegsministeriums wurde sein Leichnam 1950 in Indersdorf exhumiert und in die Niederlande überführt. Am 2. Februar 1951 fand die endgültige Beisetzung im Beisein seiner Familie auf dem Nationalen Ehrenfeld Loenen in der Gemeinde Apeldoorn statt. Das ist ein Waldfriedhof 600 Kilometer nördlich von Markt Indersdorf. Dort ruhen die Überreste von rund 4.000 Männern und Frauen, Zivilisten wie Militärs, die während des Zweiten Weltkriegs ums Leben kamen. Quadratische weiße Grabsteine sind entlang von Wegen durch den Kiefernwald in den Boden eingelassen. Nr. 437 kennzeichnet die Stelle, an der Marinus Engelbertus Jonker zur Ruhe gebettet wurde.
Unterschlupf bis zur Befreiung
Nach Marinus’ Verhaftung musste Hendrika Jonker allein weiterleben. Die Betreuung ihrer Mädchen erforderte ihre volle Kraft. Die Nachbarn nahmen sie und ihre beiden Töchter auch unter ihre Fittiche, als sie alle im September 1944 aus Arnheim wegziehen mussten. Nach dem gescheiterten alliierten Luftlandeunternehmen im September 1944 evakuierten die Deutschen die gesamte Stadt. Beide Familien fanden Unterschlupf im rund 20 Kilometer entfernen Dorf Ugchelen bei Verwandten der Van Houtems, Jan und Driesje van Houtem, die dort eine Papierfabrik besaßen. Sie blieben dort bis zur Befreiung von der Nationalsozialistischen Herrschaft. Im Mai 1945 erhielt Hendrika die schreckliche Nachricht vom Tod ihres Mannes. Kurz darauf stellte sich heraus, dass Elsjes Eltern die Zeit im Versteck in Friesland überlebt hatten. Sie schalteten Anzeigen in mehreren Zeitungen, um ihre Kinder Elsje und Flipje zu finden, von denen sie sich hatten trennen müssen. Auch die Frau, die Flipje in Apeldoorn versteckt hatte, gab eine Suchanzeige nach dessen Eltern auf. Nach einigen Schwierigkeiten wurde die Familie schließlich wiedervereint. Am 2. Januar 2000 wurden Marinus Engelbertus Jonker, Hendrika Johanna Jonker-Vermeulen sowie Johannes van Houtem und Adriana van Houtem-Knippenberg von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
Quellen
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/marinus%20engelbertus%20jonker?page=1
https://ancestors.familysearch.org/en/LTZB-DJ6/marinus-engelbertus-jonker-1904-1945
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/marinus-engelbertus-jonker
https://www.ushmm.org/online/hsv/source_view.php?SourceId=20708
https://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=JONKER&firstname=Marinus%20E.&title=&birthday=15&birthmonth=Aug&birthyear=1904&birthplace=Amsterdam&from=&town=Arnhem&street=Heemstralkeen%2090&number=69073&DateOfArrival=26%20May%201944%20Hert.&disposition=entl.%2023%20Jan%201945&comments=Check%20G&category=Sch.%20Holl.&ID=149682&page=2490/Scha.&disc=3&image=695
https://www.erelijst.nl/marinus-engelbertus--jonker
https://joodsmonumentarnhem.nl/p/p/f.php?flexpag_id=271&rubriek_id=12
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