

Foto: Privatbesitz Familie Sylten; Gedenkplakette für Werner Sylten. Originalfoto Felix O, Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic licence
Werner Sylten- Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28.486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 659 Deutsche und 115 Österreicher. Dies ist die Geschichte von Werner Sylten.
Juden unter Einsatz des Lebens gerettet
Schon die Art seiner Einstufung lässt erkennen, in welch zerrissenen Zeiten Werner Sylten lebte. Meist wird er heute als „evangelischer Theologe jüdischer Abstammung“ bezeichnet. Die Nationalsozialisten verfolgten ihn als „Halbjuden“, kerkerten ihn im KZ Dachau ein und ermordeten ihn schließlich in der Gaskammer der Tötungsanstalt Schloss Hartheim. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat ihn hingegen als Gerechten unter den Völkern geehrt, weil er Juden unter Einsatz des eigenen Lebens vor Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet hat, ohne selbst Jude zu sein. Nach dem mosaischen Gesetz wird der Glaube nämlich nur über die Mutter weitergegeben. Werner Sylten wurde am 9. August 1893 als erstes von fünf Kindern seiner Eltern im schweizerischen Hergiswyl geboren. Sein Vater, ursprünglich Dr. Alfred Silberstein, entstammte einer jüdischen Familie aus Königsberg, trat aber vor der Hochzeit mit der aus dem Elsass stammenden Protestantin Emma Bertrand zu deren Glauben über und änderte seinen Namen in Sylten. Mehrmals zog die Familie aus beruflichen Gründen um. Werner verbrachte seine Schulzeit zunächst in Berlin, dann in Niederschlesien und schließlich auf dem Gymnasium in Lohr am Main. Dort legte er auch sein Abitur ab. Es war wohl der Einfluss des Religionslehrers, der den jungen Mann dazu brachte, nach dem Abitur ein Studium der evangelischen Theologie in Marburg aufzunehmen. Nach dem ersten Semester kämpfte er als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg und setzte danach das Studium fort.
Kritik an „Deutschen Christen“
Wegen seines Interesses an sozialen Fragen studierte er nach dem Ersten Theologischen Examen ein Semester Volkswirtschaft und Sozialpädagogik und war in Berliner Arbeitervierteln praktisch tätig. Sein Vikariat absolvierte er in der hannoverschen Landeskirche mit dem Schwerpunkt auf Jugendarbeit. Nach dem Zweiten Theologischen Examen war die Tätigkeit als Hilfsgeistlicher am Frauenseminar in Himmelsthür bei Hildesheim seine erste Einsatzstelle. Anschließend wurde er Pfarrer und Leiter am Thüringer Frauenasyl in Bad Köstritz, einer Fürsorgeeinrichtung für Mädchen. Er heiratete 1925 die Lehrerin und Erzieherin Hildegard Witting. Als 1929 weltweit wirtschaftlich schwierige Zeiten anbrachen, unterstützte Werner Sylten Arbeitslose und Bedürftige ohne Ansehen von deren religiöser und politischer Orientierung. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten machte er kein Hehl aus seiner Kritik an deren Ideologie und geriet deshalb schnell in Konflikt mit der „deutschchristlichen“ Thüringer Kirchenleitung. Die „Deutschen Christen“ waren am Führerprinzip orientiert und führte neben dem Kreuz auch das Hakenkreuz in ihrem Erkennungszeichen. Sylten schloss sich deshalb dem Pfarrernotbund und der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft Thüringen an.
Gehorsam aufgekündigt
Nach einem Verhör durch die Thüringer Kirchenleitung kündigte er ihr wie die ganze Bekenntnisgemeinschaft den Gehorsam in geistlichen Dingen auf. Noch verdächtiger wurde er den „Deutschen Christen“ durch seine Nähe zu der Vereinigung Religiösen Sozialisten. Überdies war seine Leitung des Thüringer Mädchenheims, wie die Einrichtung nun auf seine Anregung hin hieß, nicht nur der Kirche, sondern auch den neuen Herren in Deutschland ein Dorn im Auge. Zu sehr unterschieden sich Syltens Erziehungskonzept von den Vorstellungen der NSDSAP. Immer stärkere offen zutage tretende Gegensätze machten Hildegard Sylten 1935 schwer zu schaffen. Aber auch Werner Sylten spürte eine unheimliche Bedrohung. Niemand kannte die jüdische Abstammung seines Vaters.
Bedrohung wegen Zeitungsartikel
Ein Artikel in der Hauszeitschrift des Mädchenheims im September 1935 löste die Katastrophe für Werner Sylten aus. Der Text war in einer anderen evangelischen Kirchenzeitschrift unbeanstandet von der NS-Zensurbehörde Reichspressekammer erschienen. Sylten hatte ihn auch gar nicht geschrieben. Die Parteizeitung Völkischer Beobachter stieß sich jedoch vor allem an diesem Satz: „Der Gott, von dem wir dort [im Alten Testament] lesen, Jahwe, der Gott des Volkes Israel – das ist eben der wahre Gott, der sich diesem Volk kundtut, um durch das Zeugnis dieses Volkes den anderen Völkern und Rassen bekannt zu werden“. Das Kampfblatt der NSDAP bezeichnete dies als Bekenntnis zum Talmud, das ausgerechnet im Monat des „Parteitages der Freiheit“ deutschen Mädchen zugemutet worden sei. Der Reichsparteitag hatte mit den Nürnberger Rassegesetzen jegliche Gemeinschaft zwischen Deutschen und Juden verboten. Juden waren danach gar keine Deutschen mehr. Deshalb waren fanatischen National-Sozialisten christliche Nächstenliebe und der „Judengott Jahwe“ das sprichwörtliche rote Tuch. Der Völkische Beobachter kritisierte den Leiter des Mädchenheims unter Nennung seines Namens auch persönlich. Die Thüringer Kirchenleitung kuschte vor der Macht der NSDAP. Anstatt sich schützend vor Werner Sylten zu stellen, machte sie gemeinsame Sache mit dem einflussreichen „Landesführer“ der Inneren Mission, Gerhard Phieler, und dem Thüringer Innenministerium, um Sylten durch Intrigen loszuwerden.
Das Ziel: weg aus Thüringen
Werner Sylten verstärkte nun seine Bemühungen um eine Pfarrstelle außerhalb Thüringens. Möglichkeiten waren die Landeskirchen von Hannover, Bayern und Württemberg, die zur Bekennenden Kirche gehörten. Die Lutherische Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen unterstützte ihn, legte aber auch die bisher unbekannte Abstammung von Syltens Vater offen. Damit trat die Einstufung des Sohnes als „Halbjude“ in Kraft. Die drei Kirchen sahen sich wegen der Nürnberger Gesetze deshalb nicht mehr in der Lage, den stellungslosen Theologen zu übernehmen. In München scheiterten die Bemühungen beispielsweise an der nötigen Zustimmung der Staatsregierung für die Einstellung „außerbayerischer“ Seelsorger.
Von der Kirchenleitung denunziert
Trotz Unterstützung durch den Evangelischen Reichserziehungsverband wurde Werner Sylten als Leiter des Mädchenheims entlassen und bekam auch keine andere Stelle in Thüringen mehr. Die regimehörige Kirchenleitung vereitelte das, weil seine Abstimmung auch ihr bekannt geworden war. Auch eine Solidaritätsaktion von Mitarbeiterinnen des Mädchenheims verhinderte das nicht. Sylten musste nicht nur Bad Köstritz verlassen, sondern sich auch von seinen beiden Söhnen trennen. Der Kirchenleitung war aber auch das noch nicht genug. Sie denunzierte ihn beim Wehrbezirkskommando in Gotha 1938 als „Nichtarier“. Nachdem es der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen nicht gelungen war, Werner Sylten eine reguläre Pfarrstelle zu verschaffen, machte sie ihn 1936 zum Chef ihres illegalen Büros in Gotha. Sylten arbeitete dort mit Helmut Gollwitzer zusammen, bis der 1937 von der Gestapo Redeverbot bekam und Thüringen verlassen musste. 1938 schloss die Gestapo das Büro, und auch Werner Sylten wurde ausgewiesen. Seinem Plan, die frühere Mitarbeiterin Brunhilde Lehder aus dem Mädchenheim zu heiraten, wurde die nach Nürnberger Gesetzen nötige Ausnahmegenehmigung verweigert.
Arbeit im Büro Grüber
Ab Ende 1938 arbeitete Werner Sylten beim Büro Pfarrer Grübers in Berlin, einer evangelischen Hilfsstelle für zum Christentum konvertierte Juden. Als Heinrich Grüber sich wieder mehr seiner Pfarrei widmete, leitete Sylten das Büro faktisch. Wie er waren die meisten anderen Mitarbeiter selbst von den Nürnberger Gesetzen betroffen und verzichteten auf die eigene Rettung, um andere in Sicherheit zu bringen. Auch Sylten schlug ein Visum aus, das ihm die Ausreise nach England ermöglicht hätte. Im März 1940 mietete er ein Haus und wohnte dort mit seinen Söhnen sowie Brunhilde Lehder. Ende 1940 wurde Heinrich Grüber verhaftet. Die Gestapo beauftragte Sylten mit der Abwicklung des Büros, bis er wegen angeblicher Mitarbeit an einem anonymen Flugblatt über das Elend christlicher ehemaliger Juden ebenfalls verhaftet wurde.
Nach Polizeihaft in Dachau
Nach drei Monaten in Berliner Polizeihaft kam er am 30. Mai 1941 in den Priesterblock im Konzentrationslager Dachau. Das war ohne Urteil oder irgendeine Ermittlung möglich. Der von den Nationalsozialisten für solche Fälle erfundene „Schutzhaftbefehl“ reichte völlig aus. Vier Monate später wurde Heinrich Grüber ebenfalls nach Dachau eingewiesen. Werner Sylten kam in ein Arbeitskommando auf der berüchtigten „Plantage“. Dort mussten die Häftlinge bei Wind und Wetter Moorland urbar machen. Die SS wollte mit der Plantage unter anderem die Unabhängigkeit Deutschlands von Importen durch Projekte wie die Züchtung „deutschen Pfeffers“ erreichen. Bis fast zuletzt schickte Werner Sylten seiner Familie daheim Briefe. Sie wurden stark zensiert. Bemerkungen über die Zustände im KZ waren verboten. Mehr als 15 Zeilen pro Seite eines Briefbogens waren ebenfalls untersagt wie auch Paketempfang, weil die Häftlinge angeblich “im Lager alles kaufen“ konnten. Angehörigen wurde per Aufdruck mitgeteilt, dass Entlassungsgesuche zwecklos seien und Besuche grundsätzlich nicht gestattet würden.
Für Angehörige
List man heute Werner Syltens Brief, wird deutlich, dass er sich bemühte, statt Klagen über das eigene Schicksal den Lieben daheim Trost zu spenden und ihren Glauben zu stärken. Das letzte Lebenszeichen ist datiert vom 2. August 1942. Mit einem starken Sonnenbrand wurde er kurz darauf in die primitive Krankenstation des Konzentrationslagers eingewiesen. Das bedeutete indirekt sein Todesurteil. Er geriet in die Maschinerie der „Aktion 14f13“. Dabei wurden „nicht mehr arbeitsfähige“ KZ-Insassen ermordet. Werner Sylten kam mit einem der gefürchteten Dachauer Invalidentransporte in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz in Österreich. Seine Familie erhielt schriftlich die Mitteilung, er sei am 26. August 1942 an den Folgen einer Hirnhautentzündung gestorben. Ob die heimgeschickte Urne, die im November 1942 in Köpenick beigesetzt wurde, wirklich seine Asche enthielt, ist unbekannt und kann bezweifelt werden. Nach seinem Tod wurde das Sorgerecht für die beiden Söhne durch Vermittlung von Freunden einem Mitglied des Köpenicker Gemeindekirchenrats übertragen. Der Betreffende überließ die Betreuung der Kinder umgehend Brunhilde Lehder. Ihre verweigerte Ehe mit Werner Sylten wurde nach dem Krieg legitimiert, und sie erhielt von der Thüringer Kirchenleitung Witwenrente. In Köstritz und Berlin wurden Straßen nach Sylten benannt, in Eisenach und Köpenick Einrichtungen der evangelischen Kirche. In Bad Köstritz, Köpenick und Gotha erinnern Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig an ihn.
Weitere bisher veröffentlichte Biografien von Gerechten unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren: Link
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Bild: Friedrich Percyval Reck-Malleczewen. Foto: public domain
Friedrich Percyval Reck-Malleczewen - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 666 Deutsche. Einer von ihnen ist Friedrich Percyval Reck-Malleczewen.
Wechselfälle
Es war in Leben voller Brüche. Friedrich Percyval Reck-Malleczewen [gesprochen Malletseven], Sohn des ostpreußischen Rittergutsbesitzers und konservativen Reichstagsabgeordneten Hermann Reck und dessen Frau Emma, erblickte am 11. August 1884 auf dem elterlichen Gut Malleczewen im Kreis Lyck in Masuren das Licht der Welt. Er wollte Musiker werden, trat aber auf Drängen des Vaters nach dem Abitur dem Infanterieregiment Großherzog von Sachsen in Jena bei. Die Offizierslaufbahn brach er nach einem halben Jahr bereits wieder ab und studierte in Königsberg und Innsbruck Medizin. 1911 wurde er zum Dr. med. promoviert, war Assistenzarzt an der Universitätsklinik Königsberg, gab aber auch diese Stelle bald auf, um für Zeitungen zu schreiben.
1908 heiratete Reck die Deutsch-Baltin Anna-Louise Büttner. Der Ehe entstammten vier Kinder. Während Frau und Kinder von Königsberg nach Pasing bei München zogen, reiste Reck 1912 zum Teil als Schiffsarzt nach Süd- und Nordamerika. Er sandte der Ostpreußischen Zeitung regelmäßig Berichte. 1913 Jahr trat er eine Stelle als Feuilletonredakteur bei der neu gegründeten Süddeutschen Zeitung in Stuttgart an und wurde 1914 Intendanzvolontär am Königlichen Hof- und Nationaltheater in München. Da Reck unter Diabetes mellitus litt, wurde er im Ersten Weltkrieg nicht einberufen. 1930 wurde die Ehe 1930 nach langer Trennung geschieden. Bereits 1913 hatte Reck in München die jüdische Buchhändlerin Irma Glaser kennengelernt. 1917 wurde sie seine Sekretärin, dann seine Lebensgefährten und wohnte in Pasing mit ihm zusammen. Nach fast 20 gemeinsamen Jahren starb Irma Glaser 1933, im Jahr der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers, an einer Gasvergiftung in seinem Haus. Die NS-Behörden stellten eine ungeklärte Ursache fest. Für Reck war klar: Sie hatte sich umgebracht.
Zweite Ehe
Im selben Jahr gab Reck seinen protestantischen Glauben auf und wurde katholisch. Er bezog das Gut Poing im Chiemgau, das er Jahre zuvor gekauft hatte. Poing wiederum hatte er gegen das Schloss Schnaittach in Mittelfranken getauscht, das er 1920 erworben hatte. 1935 heiratete Reck Irmgard von Borke, die Adoptivtochter eines befreundeten Adeligen. Aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor. Vom September 1944 bis zum Kriegsende versteckte das Ehepaar Reck auf seinem Gut die Jüdin Albertine Gimpel vor dem Zugriff der Gestapo. Das hatte eine lange Vorgeschichte. 1937 hatte der befreundete Maler Franz Herda die Jüdin Albertine Gimpel kennengelernt. Als im November 1941 die Deportationen der Juden begannen, versprach Herda ihr, ihr in der Not zu helfen. Als Albertine Gimpel in ein „Judenhaus“ umziehen musste und es im Mai 1943 geräumt werden sollte, brachte er sie in der Wohnung seines Bekannten Eduard Winkler unter. Bis August verbarg sie sich dort in einem kleinen Zimmer. „Ich war eine Gefangene“, schrieb Gimpel 1954, „und dazu kam noch die ständige Angst, entdeckt zu werden, und die damit verbundene Gefahr für meine Gastgeber.“ Aus Rücksicht auf die nervliche Anspannung von Winklers Frau brachte Frank Herda seinen Schützling eines Tages in sein Atelier, wo sie bis Mai 1944 versteckt blieb. Als er befürchte, sie könne sich den Behörden stellen, weil das Leben im Versteck für sie unerträglich geworden war, brachte er sie zu seiner Tochter Vera Manthey. Im September kam sie schließlich zu Friedrich und Irmgard Reck-Malleczewen.
Schlüsselromane
Sein Leben lang versuchte Reck, seinen sozialen und wirtschaftlichen Abstieg zu verarbeiten, der mit dem herkunftsbedingten Bewusstsein, einer Elite anzugehören, nicht zu vereinbaren war. 1923 hatte er, vielleicht als Kompensation, seinem Namen Friedrich Reck-Malleczewen „Percyval“ hinzugefügt. Er schrieb seit Jahren vor allem auf Verkäuflichkeit zugeschnittene Bücher und hatte 1931 geäußert „Ich kann nicht mehr … wie bislang die besten Dinge, die ich zu sagen habe, für mich behalten und Romane für Dienstmädchen und Droschkenkutscher schreiben [...] und Werke, die nur ich schreiben kann, als Torsi liegen lassen.“ Doch der Schriftsteller wandelte sich, wurde politisch. Noch nach vier Jahren NS-Herrschaft konnte er 1937 seinen Wiedertäuferroman „Bockelson. Geschichte eines Massenwahns“ veröffentlichen. Er schilderte den Niedergang der ständisch-konservativen Stadt Münster im 16. Jahrhundert, die sich unter dem Einfluss des kleinbürgerlichen Demagogen Bockelson zur Diktatur entwickelte. Die Parallele zwischen dem Täuferreich unter seinem „Führer“ Jan Bockelson mit dem „Tausendjährigen“ Reich war für sensible Leser nicht zu übersehen. 1937 erschien auch der Band „Charlotte Corday. Geschichte eines Attentats. Er bezog sich darauf, dass die Attentäterin 1793 den Revolutionär Jean Paul Marat erstach, der sich einerseits als Ideal des Slogans Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit darzustellen wusste, andererseits aber durchaus mit einer Diktatur liebäugelte und sich gleich selbst als Diktator empfahl. Corday rechtfertigte sich damit, sie haben „einen Mann getötet, um hunderttausend zu retten“ - ein Gedanke, der auch Hitler-Attentätern nicht fremd war.
Das unvollendete Fragment „Das Ende der Termiten. Ein Versuch über die Biologie des Massenmenschen" stellt schließlich einen Vergleich an: Was die bösartige Krebszelle für den menschlichen Organismus, ist der „Termiten-Typ“ für eine „gesunde“ gegliederte Gesellschaft. Angefangen von der Antike Griechenlands und Roms zeichnete Reck die geistesfeindliche Wirkung der schleichenden „Verpöbelung“ nach und sah die Kulturzersetzungen der frühen Neuzeit im Nationalsozialismus zu Höchstform auflaufen. Weil er wusste, dass das Manuskript ihn um Kopf und Kragen bringen konnte, vergrub er die Aufzeichnungen auf seinem Gut, – und so überlebte es das Kriegsende. Seine Bücher, die antiquarisch und manchmal im normalen Buchhandel noch erhältlich sind, erschienen übrigens damals wie heute ohne das „Percyval“ im Autorennamen.
Tagebuch eines Verzweifelten
Reck hatte anfänglich gehofft, der Nationalsozialismus könne die gesellschaftliche Nivellierung des Individuums aufhalten. In seinem 1936 begonnenen „Tagebuch eines Verzweifelten“ zeigt sich, dass seine Hoffnung in Hass umschlug. Für ihn war das Dritte Reich eine Karikatur Deutschlands, „die man von ganzem Herzen hassen muß, wenn man es wirklich liebt“. Er bezeichnete die Angehörigen des NS-Systems als „Herde böser Affen“. Den Widerständlern vom 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg warf er vor, Hitler an die Macht gebracht zu haben. Den studentischen Widerständlern der Weißen Rose um die Geschwister Scholl galt dagegen seine Sympathie. Durch eine Denunziation wurde Friedrich Reck-Malleczewen 1944 von der Gestapo verhaftet. Kurze Zeit später entließ man ihn jedoch wieder und bescheinigte ihm, dass weder politisch noch strafrechtlich etwas gegen ihn vorliege.
Der Denunziant, ein Verlagsdirektor, setzte jedoch durch, dass Reck kurz vor Silvester 1944 wegen „Verunglimpfung der deutschen Währung“ erneut verhaftet, ins Gestapogefängnis München gebracht und dort gefoltert wurde. Man warf ihm vor, er habe sich in einem Brief an seinen Berliner Verleger die Bezahlung in Reichsmark verbeten, weil darauf „kein Nickel mehr zu setzen sei“. Am 9. Januar 1945 wurde Friedrich Reck-Malleczewen ins KZ Dachau gebracht, wo er wenig später starb. Die Umstände seines Todes sind nicht überliefert. Genickschuss und eine Fleckfiebererkrankung wurden genannt, als Todesdatum der 16./17. und der 24. Februar 1945. Seine Häftlingskarteikarte nennt den 16. Februar. Auch nachdem ihr Mann ins KZ kam, versteckte seine Frau Irmgard Albertine Gimpel. Der Denunziant wurde nach einem Zeitungsbericht 1948 zu drei Jahren Arbeitserziehungslager verurteilt.
Nach dem Krieg heirateten Franz Herda und Albertine Gimpel und wanderten in die Vereinigten Staaten aus.1962 kehrten sie nach Bayern zurück. Am 14. Januar 2014 wurden Friedrich Reck-Malleczewen, seine zweite Frau Irmgard Reck-Malleczewen und Franz Herda, dessen Tochter Vera Mantey sowie ihr Ehemann Richard Marx für ihre Mitwirkung an der Rettung von Albertine Gimpel von der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt.
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