

Bilder: Jan Kanis um 1950. Oudheidkundige Vereniging Arent thoe Boecop, Elburg; Petronella Kanis und die fünf Kinder des Ehepaars kurz nach der Verhaftung von Jan Kanis. Oudheidkundige Vereniging Arent thoe Boecop, Elburg; Petronella und Jan Kanis mit dem Geretteten Jozeph van Zuiden bei einem Treffen im April 1970, Yad Vashem
Jan Kanis, Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 1.819 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Jan Kanis.
Bei der Post im Widerstand
Jan Kanis wurde am 25. Dezember 1900 in der Gemeinde Oldebroek im Nordwesten der Niederlande als ältester Sohn des Zimmermanns Hendrik Kanis und seiner Frau Aaltje geboren. Im Alter von 20 Jahren fand er bei der niederländischen Post in seiner Heimatregion Anstellung zunächst in Harderwijk und dann in Amsterdam eine Anstellung. Am 2. Januar 1927 heiratete er in Ermelo, ganz in der Nähe von Oldebroek, Petronella Paans. Dem Ehepaar wurden in den nächsten 16 Jahren fünf Kinder geboren. Ab 1932 war der Familienvater Büroleiter der Post in Oldebroek und wurde kurz vor dem deutschen Überfall auf sein Heimatland 1940 Sachbearbeiter in Amersfoort unweit von Amsterdam. Aus dieser Gegend der Niederlande ist der Südosten Englands quer über die Nordsee hinweg knapp 200 Kilometer entfernt. 1940 und 1941 unternahm Kanis mit seiner Familie drei Versuche, mit einem Segelboot dorthin zu entkommen, um aus England den Widerstand daheim zu unterstützen. Dreimal scheiterte das. Deshalb nutzte Kanis fortan seine Stellung als Leiter der Versandabteilung des Amersfoorter Postamts, um etwas zu unternehmen. Im Sommer 1942 begannen im ganzen Land massenhafte Deportationen von Juden angeblich in Arbeitslager in Deutschland. In Wahrheit wurden die Menschen über das Durchgangslager Westerbork in die Vernichtungslager im besetzten Polen abtransportiert und dort ermordet. Von den rund 140.000 Juden in den Niederlanden kamen etwa 101.800 durch Ermordung, Krankheiten und Erschöpfung ums Leben – ein viel höherer Prozentsatz als etwa in Belgien und Frankreich.
Reaktion auf Deportationen
Im August sollten auch Juden aus Amersfoort deportiert werden. Jan Kanis beschloss, dagegen etwas zu tun, indem er jüdischen Flüchtlingen Unterschlupf gewährte und Sabotageakte gegen die Besatzer verübte. Durch einen Brief an den städtischen Standesbeamten, in dem der Tod von drei Mitgliedern einer ihm bekannten jüdischen Familie gemeldet wurde, war er aufmerksam geworden. Durch seine Arbeit bei der Post bemerkte er nun oft zurückgeschickte Briefe und Todesanzeigen und begriff früh, dass Juden nicht nur zusammengetrieben, sondern auch ermordet wurden. Bei geheimen Treffen von Widerstandsorganisationen in seinem Haus wurde darüber gesprochen, was konkret getan werden könnte. Jan Kanis wurde gleich aktiv, streifte durch die Straßen der 50.000-Einwohner-Stadt Amersfoort und versuchte, Menschen davon zu überzeugen, völlig Fremde in ihren Häusern zu beherbergen. Außerdem brachte er etwa 40 Juden dazu, nicht zur befohlenen Sammelstelle für den Abtransport zu gehen, weil das mit Sicherheit ihren Tod bedeuten würde. Kanis musste nun möglichst schnell sichere Verstecke für diese Menschen finden. Er brachte sechs jüdische Kinder in seinem eigenen Haus unter, darunter Bert, den dreijährigen Sohn von Leo und Fronica Manasse, die eine Apotheke betrieben. Er ließ den kleinen Jungen mit dem Fahrrad in seinen Geburtsort bringen und arrangierte es außerdem, dass die Eltern sich bei seinem Bruder Jaap verstecken konnten. Am 16. August schaffte Jan Kanis es zusätzlich, dass Clara van Zuiden-van Beek und ihr Mann bei einer Frau, die 60 Kilometer von Amersfoort entfernt wohnte, untertauchen konnten. Nach sechs Monaten erkrankte der versteckte jüdische Ehemann. Jan Kanis besuchte ihn sofort regelmäßig, um seine Temperatur zu messen und ihm Essen und Medikamente zu bringen. Im Februar 1943 starb der Erkrankte. Jan Kanis besorgte heimlich einen Sarg und ließ den Leichnam darin mit Pferd und Wagen unter dem Schutz der Dunkelheit zur heimlichen Beerdigung, von der keine Behörde etwas ahnte, auf ein Wiesengelände bringen.
Umfassende Versorgung
Bei all seinen Aktivitäten wurde Jan Kanis von seiner Frau Petronella, seinen Töchtern und mehreren anderen Familienmitgliedern unterstützt. Während des Krieges fanden mindestens elf Juden für unterschiedlich lange Zeit Zuflucht in ihrem Haus. Über deren Beherbergung hinaus hielten Kanis und seine Familie engen Kontakt zu allen Menschen, denen sie Zuflucht gewährt hatten, versorgten sie mit Lebensmittelkarten und sorgten dafür, dass sie alle notwendigen Vorräte erhielten. Während dieser ganzen Zeit nutzte Jan seine Position bei der Post, um den Untergrund zu unterstützen. Er entwickelte ein System, mit dem verstreute Familienmitglieder untereinander korrespondieren konnten, indem sie die Postlagerung und die offiziellen Umschläge der Post nutzten. Er gab den Untergetauchten falsche Namen, die alle mit dem Buchstaben B begannen. Wenn für die betreffenden Adressaten Briefe im Postamt ankamen, brachte er sie den Menschen stets persönlich. Jan Kanis stahl auch den Stempel, der auf Dokumenten verwendet wurde, um zu beweisen, dass Radios abgegeben worden waren. So konnten die Betreffenden ihre Geräte heimlich behalten. Jan Kanis versteckte außerdem Waffen in seinem eigenen Haus. Zu seinen Aktivitäten gehörte auch die Verteilung von Geld an die Streikenden während eines Eisenbahnerstreiks zu Beginn das Krieges. Die niederländische Königin Wilhelmina war nach England geflohen, hatte die Eisenbahner aber von dort zum Streik aufgefordert. Diese Taktik sollte den deutschen Vormarsch behindern.
Verhaftung und KZ
Am 11. Februar 1944 verübte die Widerstandsgruppe, der Kanis angehörte, einen Überfall auf das Verteilzentrum für Lebensmittelkarten in Amersfoort, um solche Karten zu erbeuten. Die Aktion scheiterte. Kanis musste untertauchen, wurde aber schon am nächsten Tag, dem 12. Februar 1944, verhaftet und in das Gefängnis von Amsterdam gebracht. Dort verhörten ihn Beamte des Sicherheitsdienstes der SS (SD), der ein zentrales Unterdrückungs- und Einschüchterungsinstrument des NS-Regimes war. Ihr Gefangener gab aber keine Informationen preis. Anfang März wurde er in das KZ Herzogenbusch bei Vught im Süden der Niederlande gebracht und von dort am 26. Mai in das Konzentrationslager Dachau. Am 16. Juni kam er in das KZ Natzweiler im Elsass, das damals zu Deutschland gehörte und unweit von Straßburg lag und sofort dem 25 Kilometer weiter südlich gelegenen Außenlager Markirch (französisch Sainte-Marie-aux-Mines) zugewiesen. Mehr als 2000 Häftlinge mussten dort in einer Textilfabrik Zwangsarbeit leisten oder in einem Eisenbahntunnel BMW-Flugmotoren für Messerschmitt-Flugzeuge produzieren.
Körpergewicht 36 Kilogramm
Am 4. Oktober 1944 kam Kanis wie viele andere Häftlinge aus dem Elsass nach Dachau zurück, weil sich die vorrückende U-Armee dem KZ Natzweiler schon auf etwa 70 Kilometer genähert hatte. Es sollte noch fast sieben Monate dauern, bis die Amerikaner am 29. April 1945 auch Dachau befreiten. Ende 1944 war im KZ zum zweiten Mal eine Typhus-Epidemie ausgebrochen, die sich durch die Überfüllung des Lagers noch beschleunigte. Fast 3.000 Häftlinge starben daran allein im Januar 1945, und in den folgenden Monaten wurden es noch mehr. Auch Jan Kanis erkrankte. Zum Zeitpunkt der Befreiung wog der völlig entkräftete Körper des 44jährige noch 36 Kilogramm. Ärzte meinten, ohne medizinische Versorgung hätte er keine weitere Woche mehr überlebt. Er wurde in den folgenden Wochen in einem von den Amerikanern übernommenen Krankenhaus behandelt. Am 6. Mai fand er die Kraft, seiner Familie einen kurzen Brief zu schreiben, die erste Nachricht, die die Angehörigen nach der Verhaftung erreichte: „Liebe Frau und Kinder, gottseidank wurden wir von den Amerikanern befreit. Mir geht es gesundheitlich recht gut. Ich muss noch einen Monat hierbleiben. Ich hatte gehofft, zu Winfrieds Geburtstag [der Sohn kam am 15. Mai 1937 zur Welt] wieder zuhause zu sein, aber das ist leider nicht möglich. Ich möchte die Familie informieren. Die Tage werden jetzt so lang, weil ich euch so sehr vermisse. Ganz viel Liebe und Küsse, Jan“. Tatsächlich sollte es noch bis Mitte Juni dauern, bis Kanis aus dem Krankenhaus entlassen wurde und sich auf die Heimreise machen konnte.
Wiedersehen
In Amersfoort hatte Petronella Kanis ihre fünf Kinder während der langen Abwesenheit ihres Mannes alleine versorgen müssen. Die jüngste Tochter, Ingrid, war erst acht Monate alt, als er verschwand. Sie hatten in einer Zeit, in der im Winter 1944/45 tausende Landsleute verhungerten, dank Tulpenzwiebeln als Nahrung überlebt, nicht nur sich selbst ernährt, sondern auch die versteckten Juden damit versorgt. Wie Jan Kanis waren auch seine Frau und ihre 1927 geborene Tochter Aleid, die ebenfalls im Widerstand aktiv war, festgenommen worden, die Mutter vorübergehend, Alieid für fünf Monate. Petronella Kanis hörte trotzdem nicht auf, vom Tode bedrohte Juden zu verstecken. Nun war die Freude übergroß, auch wenn die lange Leidenszeit beim Familienvater physische und psychische Folgen hinterlassen hatte. 1946 schrieb er für die erst fünfjährige Tochter Wilhelmine ein eindringliches Gedicht:
Konzentrationslager
Männer in gestreiften Anzügen.
Dünn, verblichen und ungesund.
Sie lungern gelangweilt herum,
um und gegen die Baracken
neben dem Dreck der Mülltonnen,
nahe den Leichen am Boden.
Hängen, stehen und liegen herum,
abgemagerte menschliche Wracks.
Die ganze verstoßene Gruppe
scheint fast gottverlassen, gefangen im Elend.
Für das es weder Worte noch Maß gibt.
Ich kenne kein Maß, um zu messen,
wer Gott und Mensch so sehr vergessen hat.
Amersfoort, März 1946
Dein Vater
Ehrung durch den Staat Israel
Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte Jan Kanis in ´t Harde, einem Nachbarort von Oldebroek, wo er geboren worden war. Die israelische Konsulin Thya Nir überreichte ihm und seiner Frau Petronella am 14. Juni 1971 während einer Feierstunde im Rathaus von Doornspijk, einem anderen Nachbarort von ´t Harde, die Auszeichnung Gerechter unter den Völkern. Sie sagte dabei unter anderem: „Wir möchten Ihnen sagen, wie dankbar unser Volk Ihnen ist, denn in jenen dunklen Tagen des niederländischen und jüdischen Volkes riskierten Sie ihr eigenes Leben und hatten nur ein Ziel vor Augen: Leben zu retten. Sie sind die Guten und Gerechten“. Anderthalb Jahre später starb Jan Kanis im Alter von fast 72 Jahren. Er wurde posthum mit dem niederländischen Widerstands-Erinnerungskreuz ausgezeichnet. Seine Tochter Ingrid Kanis-Steppic nahm am Holocaust-Gedenktag 2018 im Alter von 74 Jahren einer Gedenkstunde im Holocaust Center for Humanity in Seattle im US-Bundesstaat Washinhton teil, wo sie auch wohnte. Sie sprach über den Widerstand ihrer Eltern und sagte über die Menschen, denen Jan und Petronella Kanis halfen: „Sie waren nicht namenlose Leute – sie lebten und arbeiteten in unserer Stadt“. Ingrid Kanis berichtete auch, dass ein jüdisches Ehepaar, das ihre Eltern versteckten, später trotzdem von den Deutschen gefasst wurde. „Beide wurden gezwungen, ihre eigenen Gräber zu schaufeln, bevor sie erschossen wurden. Alle anderen, die wir versteckt hielten, haben überlebt“, sagte sie. Leo und Fronica Manasse überlebten den Krieg nach ihren Worten ebenso wie ihr Sohn Bert. In einem Interview erzählte der im Jahr 2017, dass seine Eltern ihm nach dem Krieg völlig fremd warn. Seine Pflegeeltern waren für ihn seine wahren Eltern geworden: „Ich habe natürlich geweint. Ich wollte zurück nach Oldebroek.“
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4022422
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/jan-kanis
https://sjoelelburg.nl/joodse-onderduiklocaties/oldebroek-chris-kanis-jaap-kanis/
https://elburginoorlogstijd.nl/yadvashem/
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Fotos: Ludwig Wörl. Originalfoto: PaulSch Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License; Häftlingskartei des Konzentrationslagers Auschwitz. https://www.yadvashem.org; Das Ehrengrab von Ludwig Wörl auf dem Münchner Waldfriedhof. Originalfoto: PaulSch Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License
Ludwig Wörl - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten. Einer von ihnen ist der Münchner Ludwig Wörl
Elf Jahre Haft in Konzentrationslagern
Ludwig Wörl wurde 1906 in München geboren. Seine Eltern waren beide katholisch, der Vater Schuhmacher. Seine Kindheit und Jugend verbrachte der Junge in Großhadern in der Nähe der bayerischen Hauptstadt. Nach dem Schulbesuch machte er eine Schreinerlehre und arbeitete nach bestandener Prüfung als Geselle. Er bezeichnete sich selbst als parteipolitisch ungebunden, war aber gleichwohl in der Arbeiterbewegung aktiv und gehörte auch den Naturfreunden an, die sich zum demokratischen Sozialismus bekennen. Drei Jahre nach seiner Eheschließung im Jahre 1928 trat er der Roten Hilfe bei, einem Verein zur Unterstützung linker Aktivisten, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Er leitete dort eine Münchner Ortsgruppe. Nachdem die Nationalsozialisten kurz nach ihrer Machtübernahme die KPD verboten hatten, wurde Wörl in deren Untergrundorganisation aktiv. Er begründete das nach dem Krieg einmal so: „Was die Nazis in unserer Stadt aufführten, die Straßenschlachten und all das, empörte mich“.
Nach Flugblattaktion über das KZ Dachau verhaftet
Wörl arbeitete mit dem Vorsitzenden des Kommunistisches Jugendverbandes zusammen. Nachdem der verhaftet worden war, setzte Ludwig Wörl sich bis zum November 1933 aus München ab. Nach seiner Rückkehr traf der passionierte Bergsteiger und Kajakfahrer Sportfreunde, die aus dem KZ Dachau entlassen worden waren und über die dortige grausame Behandlung der Häftlinge berichteten. Er beteiligte sich an der Flugblattaktion „So ist Dachau“, die auf die unmenschlichen Zustände aufmerksam machen wollte, wurde denunziert und am 5. Mai 1934 von der Gestapo festgenommen. Das machte seine Hoffnung zunichte, die Meisterprüfung als Schreiner ablegen zu können. Zwei Jahre lang hatte er sich darauf in Abendkurse in Fachzeichnen, Holzkunde und Buchführung an der Fachschule in der Liebherrstraße vorbereitet.
Neun Monate in Ketten und Dunkelarrest
Noch am selben Tag kam er selbst ins KZ Dachau und wurde schon beim ersten Verhör misshandelt. Er legte trotzdem kein Geständnis ab, kam daraufhin in den Arrestbau und wurde dort neun Monate lang ununterbrochen in Ketten gelegt, sieben Monate davon im Dunkelarrest. Anschließend leitete er die Lagerschreinerei. Nach Intrigen wurde er aus dieser Position gedrängt und kam als Pfleger in den Häftlingskrankenbau, weil er einschlägige Erfahrungen aus einer Sanitätskolonne des Roten Kreuzes aus dem Gebirgsunfalldienst hatte. Unter anderem hatte er gelernt, wie Brüche geschient werden. Wörl wurde im OP-Raum als Narkotiseur und als Röntgenassistent eingesetzt. Nachdem es ihm gelungen war, sich Fachbücher zu beschaffen, organisierte er sogar Pflegekurse für andere dafür eingesetzte Häftlinge. Wörl behandelte auch den schwer herzkranken späteren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher mit gestohlenen Medikamenten. Über die Jahreswende 1939/40 wurde er für einige Monate ins KZ Flossenbürg überstellt, weil das Lagergelände in Dachau zur Ausbildung der SS-Totenkopfdivision genutzt und die Häftlinge auf andere Konzentrationslager verteilt wurden.
Lagerältester in Auschwitz
Zwei Jahre später kam er mit 16 anderen Dachauer Häftlingspflegern und Schreibern nach Auschwitz, wo eine Fleckfieber-Epidemie ausgebrochen war. Er baute in Auschwitz-Monowitz, das eigens für Häftlings-Zwangsarbeit in Industrieanlagen gebaut wurde, als Lagerältester die medizinische Versorgung für kranke Häftlinge maßgeblich mit auf. Weil er kein Arzt war, gab es trotz seines großen Engagements auch Probleme bei der Behandlung der Patienten und beim Betrieb des Häftlingskrankenbaus. Ludwig Wörl versteckte Häftlinge und rettete jüdische Ärzte vor dem Tod in der Gaskammer, indem er sie im Häftlingskrankenbau einsetzte. Im März 1943 wurde er als Lagerältester des Häftlingskrankenbaus in das Stammlager des KZ Auschwitz versetzt. Auch dort versuchte er gemeinsam mit anderen, Leben zu retten. Nach seinen Worten sei es ihnen vor allem auf seine Initiative hin gelungen, die „Todesziffer allein im Stammlager mit einer Belegschaft mit 18.000 Häftlingen von 600 bis 700 Toten täglich durchschnittlich auf fünf bis 15 täglich zu senken. Von August bis November 1943 wurde Wörl mit zwei Kameraden für drei Monate in den Bunker gesperrt, weil sie Selektionslisten gefälscht hatten. Sie setzten Namen von schon zuvor gestorbenen Häftlingen in die Todeslisten ein. Das fiel aber bald auf. Mit drei Kameraden aus dem Krankenbau saß er in den Todeszellen, wo sie Zeugen einer großen Zahl von Erschießungen wurden. Nur knapp und mit Unterstützung jüdischer und politischer Häftlinge entgingen sie selbst diesem Schicksal. Im Januar 1944 wurde Wörl Lagerältester des Stammlagers, aber nach Intrigen auch von diesem Posten wieder abgelöst. Als er dann im Juli 1944 Lagerältester im Auschwitzer Außenlager Güntergrube wurde, setzte er sich auch dort für seine Mithäftlinge ein, die eine Schachtanlage für den Kohlebergbau errichten sollten, was bis zum Kriegsende aber nicht gelang. Bei der Räumung des KZ Auschwitz ab Mitte Januar 1945 wurde Wörl in das KZ Mauthausen gebracht und dort im Außenlager Ebensee am 6. Mai 1945 von Angehörigen der US-Armee befreit.
Einsatz gegen das Vergessen
Ludwig Wörl kehrte stark abgemagert nach München zurück. Nach seiner elfjährigen Haftzeit war seine Gesundheit aufs Schwerste geschädigt. Vergleicht man Fotos von ihm aus dem Jahr 1945 und 1964, sieht man nicht auf den ersten Blick, dass es sich um denselben Menschen handelt. Seinen erlernten Beruf als Schreiner konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Er hielt sich mit einem kleinen Lebensmittelladen und mit den im bürokratischen Kleinkrieg erkämpften Entschädigungszahlungen und schließlich mit einer Berufsunfähigkeitsrente mehr schlecht als recht über Wasser. Er pflegte Kontakte zu Auschwitz-Überlebenden. Weil er als ehemaliger Funktionshäftling sehr gut über die Geschehnisse im Lager informiert war, stellte er sich für NS-Prozesse als Zeuge zur Verfügung und half bei der Suche nach Zeugen
„Mit Befehlsnotstand darf man mir nicht kommen“
Über die „Entschuldigung“ vieler Angeklagter, sie hätten nur Befehle ausgeführt, sagte er einmal: „Mit Befehlsnotstand darf man mir nicht kommen, ich bin selbst der Beweis, dass es anders auch ging. Und ich war nicht der Einzige, der so gehandelt hat“. Spätestens ab Frühjahr 1958 leitete er auch die Landesgruppe Bayern des Deutschen Auschwitzkomitees trotz seiner kritischen Haltung gegenüber dieser Organisation. Auf sein Betreiben hin wurde eine Liste von ehemaligen Angehörigen der Lager-SS zusammengestellt, die später Basis für eine Kartei wurde. Als Vorsitzender der Organisation Ehemaliger Auschwitzhäftlinge in Deutschland hielt Wörl die Erinnerung an die Opfer der Konzentrationslager in der deutschen Bevölkerung aufrecht.
Zwischenfall beim Auschwitz-Prozess
Auch im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess sagte er als Zeuge aus. Dabei kam es zu einem Zwischenfall. Nachdem Ludwig Wörl ausgesagt hatte, wie der später zu lebenslangem Zuchthaus verurteilte Angeklagte Oswald Kaduk mit einer Pistole mehrere Kinder zu den Gaskammern getrieben hatte, sprang er plötzlich von seinem Zeugenstuhl auf, wandte sich Kaduk zu und rief „Die Pistole stießt du ihnen in den Rücken!“ Dann demonstrierte er, wie der damalige SS-Unterscharführer die Kinder in den Tod trieb und untermalte das mit den Worten „So! So!“ Nun sprang auch der ehemalige SS-Mann auf und brüllte Wörl mit sich überschlagenden Worten an. Erst als der Oberste Richter rief „Hinsetzen! Schreien Sie nicht den Zeugen an!“ und Polizisten Kaduk wieder in seinen Stuhl zurückdrückten, beruhigte sich die Lage wieder. Nach seiner Zeugenaussage erhielt Ludwig Wörl anonyme Briefe mit Drohungen.
Wertungen
Der Autor Bruno Baum schrieb in seinem Buch „Widerstand in Auschwitz“ über Wörl: „... hat als Lagerältester des Krankenbaus ... viel dazu beitragen, dass die Atmosphäre besser wurde, d.h. eine Reihe krimineller Banditen wurde aus ihren Funktionen entfernt. Auch die furchtbaren sanitären Verhältnisse konnten nun geändert werden. Später, als Lagerältester des Stammlagers ... führte er ebenfalls einen energischen Kampf gegen die Berufsverbrecher... Schließlich wurde er als Lagerältester abgelöst und strafversetzt...“ Wörls KZ-Kamerad Hermann Langbein urteilte wie folgt über ihn: „„Vor seiner Verhaftung hat er in bescheidenen Verhältnissen gelebt, in die er nach der Befreiung zurückkehrte. Im Lager hat er weit größere Macht erhalten, als er jemals besaß. Die SS hatte ihn zum ,Führer´ gemacht und er hatte nicht die Kraft, allen Verlockungen zu widerstehen, welche das Führerprinzip denen anbot, die aus der Masse herausgehoben wurden. Er hat es entschieden abgewehrt, zum Werkzeug der SS herabzusinken, weshalb er sich deren Gunst nicht erhalten konnte. Mitgefangenen gegenüber spielte er jedoch auch dann die Autorität seiner Funktion aus, sobald er sich von ihnen nicht gebührend anerkannt fühlte, wenn diese keineswegs böswillig waren, aber in irgendeiner Frage nicht seine Meinung teilten.
… und Ehrungen
Ludwig Wörl wurde 1963 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt. 1966 erhielt er den vom Zentralrat der Juden in Deutschland den Leo-Baeck-Preis verliehenen für seinen Einsatz für die jüdische Gemeinschaft und weil es ihm gelungen sei, aus den dunklen Kapiteln deutscher Geschichte Lehren für die Zukunft zu ziehen. Wörl habe versucht zusammen mit anderen, Leben zu retten. So sei es ihnen vor allem auf seine Initiative hin gelungen, die Todesziffern zu senken. Im selben Jahr wurde er mit der Medaille „München leuchtet“ in Gold ausgezeichnet und erhielt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Ludwig Wörl starb am 27. August 1967. Er wurde auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Ihm zu Ehren gibt es seit 1995 im Stadtteil Neuhadern den Ludwig-Wörl-Weg.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.
Spendenkonto
DE54 7005 1540 0280 8019 29
BYLADEM1DAH
